EU: Währungseinheit und Sprachenvielfalt

7. Jänner 2002, 20:30
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Auch nach dem "Europäischen Jahr der Sprachen" 2001 bleibt die Verpflichtung, sich sprachlich weiterzubilden

Brüssel/Wien - Während die finanztechnische Einheit der EU (oder wenigstens eines großen Teils derselben) mit der Einführung des Euro-Bargeldes seit dem 1. Jänner sicht-und greifbar geworden ist, wird es eine Spracheinheit auf dem Alten Kontinent in absehbarer Zukunft nicht geben - und sie wird auch politisch gar nicht angestrebt.

Damit die babylonische Sprachenvielfalt des europäischen Raums nicht zum Handicap für Handel und Wandel wird, strebt die EU das Idealziel an, dass jeder Unionsbürger außer seiner Muttersprache noch zwei weitere EU-Sprachen beherrschen soll. Mit der Ausrufung eines "Europäischen Jahrs der Sprachen" haben im vergangenen Jahr Europäische Kommission und Europarat mit einer Fülle von Veranstaltungen auf den Nutzen der Mehrsprachigkeit hingewiesen.

In der EU sind Menschen deutscher Muttersprache die größte Sprachgruppe - aber wenn man die von den Europäern beherrschten Zweitsprachen mit einbezieht, rückt das Englische naturgemäß auf Platz ens vor. Noch nie habe es "eine Zeit gegeben, wo so viel über den Status von Sprachen und des Deutschen nachgedacht wurde", sagte Rudolf Hoberg, Germanistikprofessor und Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden.

Es könne heute nicht darum gehen, "Deutsch zu pushen". Denn dass das Englische zur Lingua franca geworden ist, sei unbestreitbar. Aber die Vielsprachigkeit Europas müsse erhalten, die Mehrsprachigkeit gestärkt werden, betonte Hoberg bei einem Symposium in Brüssel. Das war auch die meistgehörte Forderung bei der Veranstaltung, die GfdS, Goethe-Institut und Freie Universität Brüssel zum Abschluss des "Europäischen Jahrs der Sprachen" organisiert hatten. Für Sprachgesetze votierte nur der Franzose Albert Salon. "Darf ein Land nicht mehr seine Sprache schützen?", fragte er: Solle "die Wirtschaft über die kulturelle Identität des Volkes gestellt" werden?

Notorisch einsprachig

Der deutsche Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) stellte sich "gegen den Zungenschlag", das Englische zurückdrängen zu wollen. Damit würde man sich "gegen die junge Generation versündigen". Denn weniger als zwei Prozent der wissenschaftlichen Publikationen erschienen noch in Deutsch oder Französisch, und Deutsch sei nicht mehr Wirtschaftssprache wie Ende des 19. Jahrhunderts. Als "normale Kommunikationssprache" sei es hingegen nicht bedroht.

Eingefordert wurde Mehrsprachigkeit aber auch von unerwarteter Seite: Der Brite Martin Durrell, Germanistikprofessor an der Universität Manchester, geißelte "die notorische Einsprachigkeit der Briten". Er selbst zähle zur "sehr kleinen Minderheit, die eine Fremdsprache können". Britanniens Elite habe jedoch keine Sprachkenntnisse.

Ihr Englisch sei zudem oft so, dass Außenstehende es auch bei guten Kenntnissen nicht verstünden. Darum müssten die Briten auf die Sprachkompetenz der Sprecher eingehen, damit das "globalisierte Gebrauchsenglisch" auch für sie selbst gut sei. Diese Fähigkeit hätten Briten aber nur, wenn sie selbst eine Fremdsprache kennen, so Durrell. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 1. 2002)

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