Der alte Mann will jetzt nur noch verkaufen

7. Jänner 2002, 19:35
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Die beinahe lustige Geschichte über einen Wiener Erfinder

Wien - Das wird eine lustige Geschichte. Ist ja auch alles dran: eine enge Gemeindebauwohnung im dritten Bezirk. Ein komisches Ding auf Rädern. (Auf Nachfrage noch andere komische Dinge.) Absolut unverkäuflich. Eine bügelnde, im Hintergrund kommentierende Bekannte. Und: der schrullige Alte.

Der schlittert vor lauter Aufregung - weil sich wer für seine Arbeit interessiert - vom Hundertsten ins Tausendste. Der verzettelt sich in technische Details über Feststellbremsen und Federwege. Den macht der permanente Ordnungsruf vom Bügelbrett herüber - "Willi, komm zur Sache!", "Willi, den Preis, nicht die Kalkulation!", "Williiii!" - nur noch konfuser.

Lustig. Zum Schenkelklopfen. Obendrein auch noch authentisch. Willkommen in einer klassischen "Alltagsgeschichte". Heute: "Erfinderschicksale". Das Beste: Der alte Mann kriegt gar nicht mit, wie er vorgeführt wird. Er sagt nachher auch noch brav Danke und ist ganz gerührt, dass endlich wer kommt und sich sein universelles, leichtes, aber eben absolut unverkäufliches Stativ vorführen lässt. Nach all den Jahren.

Eine lustige Geschichte. So einfach. Zu einfach. Und unfair. Weil sich Wilhelm Aberl nicht wehren kann.

Früher, da lebte der heute 83-jährige Mann im Landstraßer Gemeindebau von seinem Stehbuffet. Dann war er Elektro- und Heizungstechniker. Aber Erfinder war der Herr Aberl immer schon: Rund fünfzehn Patente hat er in seinem langen Leben angemeldet. Reich ist er nicht geworden. Glücklich? Herr Aberl übergeht die Frage.

Weder mit der Fleischlaberlmaschine noch mit dem Golfcaddy samt wechselbarem Aufschnallaufbau hat er Geld verdient. Schon gar nicht mit dem Heizölreinigungsfilter, den er vor fast 50 Jahren bastelte: "Ein Katalysator. Ich war zu früh dran."

Der Antiverkäufer

Jetzt - seit mittlerweile zehn Jahren - bewirbt Wilhelm Aberl seinen Foto-Video-Caddy: Mit kopierten Zetteln voll händisch ausgeschnittenen und zusammengepickten Fotos des leichten, beweglichen Rollstativs für Amateurfotografen und Videomacher. Zweieinhalb Millionen Schilling hat Aberl in das Ding investiert. Auf Fotomessen klopfen ihm die Vertreter auf die Schulter - und lächeln. Denn Aberl ist die Antithese eines Verkäufers, eines Präsentators: Er verschreckt Zuhörer. Überfordert sie. Und wenn er bemerkt, dass das Publikum sich abwendet, will er es mit noch mehr Details und vollem Körpereinsatz am Stativ zurückholen.

Ein Teufelskreis für Aberl. Ein Hauptspaß für sein Publikum. Wilhelm Aberl ist 83 Jahre alt. "Ich will nur noch verkaufen", sagt er traurig, "Ich habe doch nicht mehr viel Zeit." Eine wirklich lustige Geschichte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.1.2002)

Von Thomas Rottenberg
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