Ein zerstörtes Dorf und viele Fragen

3. Jänner 2002, 19:16
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Dorf war angeblich ein "bekanntes Führungszentrum"

Kabul - 107 Menschen kamen beim Angriff der US-Luftwaffe auf das Dorf Niazi Qala am 30. Dezember ums Leben. Wer die Toten waren, ist unklar. Die Berichte über den Vorfall sind widersprüchlich. Starben einfache Bauern, wie die Überlebenden sagen? Oder wurden Kämpfer von Osama Bin Laden getötet, wie das US-Militär erklärt?

Für die Amerikaner war die Ortschaft in der ostafghanischen Provinz Paktia "ein bekanntes Führungszentrum" von Bin Ladens Organisation al-Qa'ida. Von einem "Kollateralschaden", wie im US-Kriegsjargon zivile, unbeabsichtigte Opfer genannt werden, könne nicht die Rede sein. Noch während des Angriffs seien die US-Kampfflugzeuge aus dem Gebiet mit zwei Flugabwehrraketen beschossen worden.

Ganz anders erzählen es die Überlebenden: Sie hätten noch geschlafen, als das Dorf am Sonntag in der Früh von einem US-Kampfflugzeug, einem B-52-Bomber, und zwei Kampfhubschraubern angegriffen worden sei. Die Lehmhäuser seien dem Erdboden gleichgemacht worden.

Zwischen den Trümmern der Häuser seien danach nur noch Fleischfetzen, Blutlachen und Menschenhaare gelegen. 50 Tote seien auf dem Friedhof des Dorfes begraben worden. Die anderen Toten, berichten die Bewohner, seien Nomaden aus den Bergen gewesen. Sie seien dort im Kreis der Familien bestattet worden. Die Bewohner geben zu, auch Munition aufbewahrt zu haben, die sie den besiegten Taliban abgenommen hätten.

Trainingslager

Vielleicht wollten die Dorfbewohner damit Bin Laden einen Dienst erweisen. Der Islamistenführer ist in der Provinz Paktia kein Unbekannter. 1998 griff das US-Militär mehrere Trainingslager Bin Ladens rund um Khost an, nachdem die USA ihn mit den Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania in Verbindung gebracht hatten.

Nach den Angriffen war Bin Laden händeschüttelnd durch die Dörfer getourt, hatte sich bei den Bauern für die Schäden entschuldigt und erklärt, das alles sei für die Sache des Islam geschehen - eine Botschaft, die bei den tief religiösen Bewohnern auf fruchtbaren Boden fiel. (Reuters, DER STANDARD, Print vom 4.1.2002)

Von Jane Maccartney
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