Schweiz: Zu klein für mehrere Vollprogramme

3. Jänner 2002, 11:47
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STANDARD-Interview mit Martin Dumermuth zum Thema Privat-TV

Standard: Nach Tele 24 hat nun auch das zweite nationale Privatfernsehen TV3 Ende Dezember den Betrieb eingestellt. Ist das Schweizer Privat-TV-Konzept gescheitert?
Dumermuth: Es gibt nach wie vor Privatfernsehen in der Schweiz, lokale Sender und zwei nationale Spartenprogramme. Und es gibt ein Zusammenarbeitsmodell, von Verlegern bespielte Fenster auf dem zweiten Kanal der öffentlich-rechtlichen SRG - ein gutes Konzept für einen Markt, der zu klein ist für mehrere Vollprogramme.

STANDARD: Waren die beiden Vollprogramme aufgrund der Marktsituation zum Scheitern verurteilt?
Dumermuth: Als die beiden Programme 1998 konzessioniert wurden, haben wir ein Gutachten bei Prognos in Auftrag gegeben. Das war aufgrund der Marktsituation sehr skeptisch, dass nationales Privat-TV möglich ist.

STANDARD: Warum?
Dumermuth: Wir haben eine extrem hohe Auslandskonkurrenz in der Schweiz. Mehr als 50 Prozent der Marktanteile entfallen auf ausländische Veranstalter, durch die hohe Kabelversorgung. Und daneben die relativ starke SRG. Private sind also eingeklemmt zwischen SRG und ausländischen Programmen.

STANDARD: Und die lokalen Sender funktionieren besser?
Dumermuth: Ja, sie haben eine inhaltliche Nische und sie können sich auf lokale Berichterstattung konzentrieren, die weder durch SRG noch durch ausländische Konkurrenz abgedeckt wird. Aber sie schreiben auch rote Zahlen. Man wird also künftig Gebührengelder an lokale Private ausschütten, damit sie überleben können.

STANDARD: Was für Rahmenbedingungen bräuchte es, um nationales Privat-TV zu ermöglichen?
Dumermuth: Eine Liberalisierung der Werbeordnung allein reicht nicht. Man könnte die SRG in ihrem Tätigkeitsfeld beschneiden. Dann hätte man zwar im Landesinneren mehrere Veranstalter, die aber wahrscheinlich nicht in der Lage wären, mit ausländischen Programmen zu konkurrieren. Es ist also eine bewusst politische Entscheidung, mit einer starken SRG einen eigenen Sender zu haben, der in der Lage ist, den professionellen Programmen aus dem Ausland ähnliche Angebote zur Seite zu stellen.

STANDARD: Österreich steht auf der Schwelle zu bundesweitem Privatfernsehen. Dass in der Schweiz gerade alle nationalen Privaten eingestellt wurden, ist kein gutes Omen. Wie sehen Sie die Chancen für österreichisches Privat-TV?
Dumermuth: Das Prognos-Gutachten für Österreich war auch eher skeptisch. Und die Auslandskonkurrenz ist auch in Österreich sehr hoch. Es wird sicher nicht einfach.

STANDARD: Sind kleine Märkte am Rande eines großen Nachbarn aussichtslos?
Dumermuth: Nicht aussichtslos, aber schwierig. Es ist ein asymmetrischer Wettbewerb: Mit einem Schweizer Programm hat man auf dem deutschen Markt keine Chance, mit einem deutschen Programm auf dem Schweizer Markt sehr wohl.

STANDARD: Wie geht es jetzt weiter - ist nationales Privat-TV in der Schweiz gestorben?
Dumermuth: Es gibt nach wie vor gewisse Anstrengungen, aber ob dafür Investoren gefunden werden, ist offen. Denkbar wäre beispielsweise ein Kombinationsmodell von nationalem Mantelprogramm mit regionalen Fenstern.

STANDARD: Könnten Sie abschließend nach dem Motto ,Aus Schaden wird man klug' ein paar Tipps für österreichisches Privat-TV geben?
Dumermuth: Es ist schwierig, grenzüberschreitende Tipps zu geben. Wichtig ist, sich die wirtschaftlichen Realitäten anzuschauen. Ich habe oft das Gefühl, dass diskutiert wird, ohne wirklich durchzurechnen, wie viele Marktanteile zum Überleben notwendig sind und wie diese realisiert werden können.

STANDARD: Wie viele sind das?
Dumermuth: Zehn bis 15 Prozent braucht man. Die haben TV3 und Tele 24 nie erreicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 3. Jänner 2002)

Julia Eder
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