Der Groschen fällt, der Schilling bleibt

1. Jänner 2002, 20:16
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Die gute Nachricht zuerst - der Schilling bleibt. Nicht nur als offizielle Landeswährung von Somalia. Das wäre angesichts der weltpolitischen Zusammenhänge, in denen dieses Land in den letzten Wochen Schlagzeilen machte, doch etwas wackelig. Nein, auch in Kenia, Tansania und Uganda wird weiterhin mit Schillingen bezahlt werden.

All den Währungsnostalgikern aber, denen auch dies kein wirklicher Trost ist, kann eine noch weit tröstlichere, weil gleichsam geistesgeschichtliche Perspektive gegeben werden: Die Spur des Schillings in unserer Sprache wird, wenn überhaupt, sehr langsam verschwinden. Auch das "Talent" der alten Griechen lebt schließlich bis heute.

Und wie. Noch das 20. Jahrhundert fügte ihm die für eine Erfolgs- und Wettkampfgesellschaft bezeichnende Wortbildung "talentiert" hinzu. Auch "wuchern wir mit unseren Pfunden" ungehemmt, obwohl wir gar keine haben. Jedenfalls nicht im Portemonnaie. Wir zahlen unsere Schulden, währungsgeschichtlich überhaupt die totale Konfusion, noch heute "auf Heller und Pfennig" zurück. Tja, und da ist mit höchster Wahrscheinlichkeit eben auch anzunehmen, dass bei allen, bei denen es in Bezug auf irgendetwas geklingelt hat, weiter "der Groschen gefallen ist" und nicht etwa der Cent.

Geben und Nehmen

Natürlich gibt es kein Nehmen ohne Geben. Wie lange einer, "der den Schilling nicht ehrt", noch "den Groschen nicht wert" sein wird, ist ungewiss. Die Redewendung nimmt Bezug auf die nunmehr historische Werthierarchie zwischen Schilling und Groschen, die eine Generation, der beides nur mehr aus historischer Distanz bekannt ist, vermutlich nicht mehr in ausreichender Klarheit vor Augen haben wird.

Man sollte aber auch bedenken, dass der Schilling, wie unwillig sich jetzt auch manche von ihm trennen, nichts genuin Österreichisches ist. Er bedeutete ursprünglich zwar wohl so viel wie "kleines Schildchen", was mentalitätsmäßig durchaus zu den beiden österreichischen Republiken passt, doch erblickte die Welt deren Licht erst wesentlich später. Die Goten bezeichneten mit "skilliggs" eine römische Goldmünze. Im Mittelalter fand der "schillinc" seine bisher weiteste Verbreitung. Und das "Neueste elegante Lexikon für die Gebildeten aller Stände" nannte den Schilling 1837 noch einfach "eine Münze von verschiedentlicher Geltung".

Aber zugegeben: Abrechnungen "auf Schilling und Groschen genau" tragen mutmaßlich ein kurzfristiges sprachhistorisches Ablaufdatum. Auch alles, was "keinen Groschen wert ist" und wofür wir "keinen Schilling hinlegen", könnte der Cent schnell ersetzen.

Das "Gröscherlgeschäft" allerdings könnte seiner Umwandlung in "Centerlgeschäft" mehr Widerstand entgegensetzen. Die Ablöse des "Groschenromans" durch den "Centroman" scheint unwahrscheinlich. Und die "Dreigroschenoper" bleibt sowieso.

Mickrige Betrüger

Einen furchtbaren Schlag werden die armen Boulevardzeitungen hinnehmen müssen. Ihnen gehen über Nacht zahllose "Millionenbetrüger" durch die Lappen. Was ihnen bleibt, werden zum allergrößten Teil bestenfalls mickrige "Hundert- tausenderbetrüger" sein. Nicht einmal "Millionentreffer" wird es mehr viele zu bejubeln geben.

Als Trost bleibt freilich: Allfällige Umsatzeinbußen werden künftig zweifellos nicht mehr so leicht "in Milliardenhöhe" ausfallen.

(Michael Cerha, Der Standard, Printausgabe, 02.01.02)
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