"Ich möchte, dass überall Frauen arbeiten"

19. Jänner 2002, 11:41
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Suhaila Seddiki, die neue Gesundheitsministerin, steht vor einer großen Herausforderung

Kabul - Sie hat ihre Meinung schon immer offen geäußert - während der Taliban-Herrschaft und auch jetzt, nach dem Ende des islamistischen Regimes. "Ich wusste, dass sie sich nicht halten werden, dass die Taliban uns nicht ewig ihren Willen aufzwingen können", sagt Suhaila Seddiki. Unter den Taliban verlor sie ihre Stelle als leitende Chirurgin in einem Kabuler Krankenhaus. Der Grund dafür: Sie ist eine Frau. Doch auch mit dem Antritt der neuen Interimsregierung kehrt Seddiki nicht an ihre alte Arbeitsstelle zurück, denn seit Samstag sitzt sie als Gesundheitsministerin im Kabinett.

Die 60-jährige Seddiki steht vor einer großen Herausforderung. Sie muss das völlig am Boden liegende Gesundheitssystem Afghanistans wieder ankurbeln. Die Krankenhäuser wolle sie sanieren, den Menschen helfen, sagt sie. "Und ich möchte, dass überall Frauen arbeiten."

Als die Taliban das Arbeitsverbot für Frauen erließen, musste auch Seddiki ihren Posten im Wasir-Akbar-Khan-Krankenhaus räumen. Doch binnen weniger Monate bemerkten die Verantwortlichen, was sie mit der angesehenen Ärztin verloren hatten und boten ihr eine Stelle im 400 Betten umfassenden Militärkrankenhaus in Kabul an. Dort ließen sich auch Taliban-Funktionäre häufig behandeln.

Mut

Niemals habe Seddiki mit ihrer Meinung hinterm Berg gehalten, erzählen Kollegen. Auch nicht in Anwesenheit von Taliban-Vertretern - egal, was sie damit riskierte. "Einmal hatten wir eine Besprechung mit einigen Mullahs", erinnert sich Masum Sabursai, heute Seddikis Nachfolger im Wasir-Akbar-Khan-Krankenhaus. "Sie sprach sich für die Ausbildung von Frauen in medizinischen Berufen aus, so vehement, dass einer der Mullahs schließlich ganz ruhig wurde und dann antwortete: 'Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll'."

Unermüdlich stelle sie sich den Anforderungen ihres Berufes, sagen Seddikis Bekannte. Einmal, während des Bürgerkriegs, seien nach einem Raketenangriff 120 Verletzte auf einmal ins Krankenhaus eingeliefert worden. Seddiki operierte rund um die Uhr, 24 Stunden lang.

Als die Taliban vor sechs Wochen aus Kabul flohen, war Seddiki eine der ersten, die die Burka ablegten, den von der Miliz verordneten den ganzen Körper verhüllenden Umhang. Verheiratet war sie nie. Sie habe sich nicht den Befehlen eines Mannes unterordnen wollen, sagt sie. Sie glaube, die afghanischen Frauen seien zufrieden mit ihrer Berufung ins Kabinett, "und das macht mich glücklich", sagt Seddiki. Außer ihr sitzt nur noch eine weitere Frau in der neuen Interimsregierung, und zwar die Frauenministerin Sima Samar.

Das Land nicht verlassen

Geboren, aufgewachsen und ausgebildet in Kabul, lebte Seddiki nur einmal für längere Zeit im Ausland: Ihr Medizinstudium beendete sie in Russland. Sie habe viele Möglichkeiten gehabt, das Land zu verlassen, sagt sie. Aber sie habe es nie versucht. "Ich fand es immer wichtig, dass alle Afghanen in ihrem Land bleiben und ihm dienen." Jetzt hofft sie, dass viele ihrer Landsleute aus dem Exil in ihre Heimat zurückkehren. "Unser Land braucht uns."

Nur ein Wermutstropfen fällt auf ihre Ernennung zur Gesundheitsministerin. Seddiki wird praktisch keine Zeit mehr haben, als Ärztin zu arbeiten. Aber diesen Preis sei die Aufgabe wert, sagt sie. "Es ist eine große Verantwortung, und ich möchte helfen, so gut ich kann." (APA/AP, Korrespondentin Laura King)

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