Kampf zwischen Herz und Hirn

4. Jänner 2002, 15:32
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21. Dezember 2001

Si tacuisses philosophus mansisses, hätten die alten Römer wohl geächzt, wären sie des ÖVP-Bildungssprechers Werner Amon ansichtig geworden. Etwas weniger sanft sind die Leser der "Presse" mit dem Bildungsmuffel umgegangen, den seine pädagogische Sendung eben auf dem Niveau Pestalozzis ankommen ließ, als sie seinen Vorschlag vernahmen, in den allgemein bildenden höheren Schulen Latein künftig nur als Wahlpflicht-statt als Pflichtfach anzubieten. Der Beschmutzer des konservativen Nestes - womöglich ist er auch für die neue Rechtschreibung? - bekam in der Wochenendausgabe eine Abreibung verpasst, die schon sehr an M. T. Ciceronis erste Catilinarische Rede erinnerte.

Ein Kommerzialrat argumentierte frisch ad hominem, fand er doch die Kontroverse um den Latein-Unterricht aus zwei Gründen auf jeden Fall erschütternd: 1) Falls es stimmt, daß Amon das Gymnasium in Knittelfeld nicht geschafft und daher keine AHS-Matura hat, wie aus einem Leserbrief hervorgeht, ist es ganz unverständlich, daß so jemand Bildungssprecher der ÖVP sein soll. Der zweite Grund war eigentlich nur die Relativierung dieses Dünkels: 2) Falls das aber eine Verleumdung sein sollte, ist mir unverständlich, wie die "Presse" das publizieren kann.

Ad rem hatte er durchgestandene Leiden anzubieten: Zur Sache selbst ist zu sagen, daß mir meine sechs Lateinjahre trotz eines widerlichen Lateinlehrers sicher nicht geschadet haben. Masochismus war schon immer eine Bürgertugend: Schlimmer als jahrzehntelang Matura-Albtraum ist nur der Albtraum, keine Matura zu haben.

Ein Leser aus 1140 Wien verfiel in einen derartigen furor latinus, dass er gleich zwei Leserbriefe schrieb. Längst wurde durch Studien (z. B. in Indianapolis/USA) nachgewiesen, daß Schüler, die Latein lernen, innerhalb kürzester Zeit Schülern, die das nicht tun, in der Beherrschung ihrer Muttersprache und in Mathematik weit überlegen sind. Leider teilte er im zweiten Brief nicht mit, welche Konsequenzen man im Stadtschulrat von Indianapolis aus dieser Erkenntnis zieht, sondern gab Amon Saures: Während in vielen Ländern Europas Latein eine Renaissance erlebt und in den Lehrplänen stärker als bisher verankert wird, glaubt Amon seinen Bannstrahl über das (von ihm?) ungeliebte Fach verhängen zu müssen. Amon meint eben: Wien darf nicht Indianapolis werden!

Ein ganzes Schock Akademiker hatte sich zu einem Gemeinschaftswerk vereinigt, um Amons Partei mit humanistischer Verachtung zu übergießen. In einer angeblich bürgerlichen Partei ist scheinbar alles möglich. Vermutlich wollten sie nicht scheinbar, sondern "anscheinend" sagen. Ausgerechnet der sogenannte "Bildungssprecher" der ÖVP versucht sich als Erfüllungsgehilfe zur Abschaffung einer wesentlichen Grundlage von Bildung, des Lateinischen, zu profilieren. . . wofür gleichermaßen Unwissen, Zeitgeist und Populismus verantwortlich sein dürften. - Verantwortlich wohl kaum, Ursache eventuell, übernimmt doch der Zeitgeist grundsätzlich keine Verantwortung.

Latein - so heißt es weiter - steht für Ernsthaftigkeit, analytisches Denken, Leistungswillen und Logik. Es steht gegen Oberflächlichkeit, Nivellierung nach unten und gegen jegliche Beliebigkeit. Also die römische Plebs, die doch für ihr ziemlich flüssiges und im Circus auch ausgiebig gebrauchtes Latein einigermaßen bekannt war, hätte sich bei Lektüre dieses Hymnus einen Ast gelacht. Weniger erleuchtet war nur noch der Gegenschlag Amons in der "Presse" vom Dienstag, wo er selbst die borniertesten Argumente seiner Gegner bestätigte. Gerade die kritischen Reaktionen auf meinen Vorschlag bewiesen mir, daß auch bei Fahnenträgern der humanistischen Bildung die von uns allen angestrebte Herzensbildung, um mit Pestalozzi zu sprechen, durch den Lateinunterricht in der Vergangenheit nicht sichergestellt worden ist! Ein Satz wie dieser wirft die Frage auf, ob im Gymnasium von Knittelfeld die Hirnbildung seinerzeit nicht so ungleich verteilt wurde, dass sie bei manchen nicht zur Matura, aber bequem zum Herzensbildungssprecher der ÖVP reicht.

Als begeisterter Latinist trat in der "Presse" übrigens auch OmedRat Dr. Heinz Fidelsberger mit der Klage auf: Alles, was geeignet ist, das logische Denken und das Fordern von harter Gedankenarbeit zu beseitigen, wird akzeptiert, mehr noch, ist politisches Programm. Da ist er vor. Seine rassistischen Artikel in Andreas Mölzers "Zur Zeit" bezeugen das Faktum, dass harte Gedankenarbeit auch in einer weichen Birne ablaufen kann - urdeutsch, ganz ohne Latein.

Fazit dieser Bildungsdiskussion: Principiis obsta! Doch lieber Latein behalten - und Amon abschaffen!

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Dezember 2001)
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