"Ich bin jetzt schon der Kaiser von China"

1. Februar 2002, 15:37
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Bora Milutinovic, Chinas Teamchef, im Interview

der Standard: WM-Neuling China muss in der ersten Runde gegen Brasilien, Costa Rica und Türkei antreten. Ein Dreamteam an Gegnern?
Bora Milutinovic: Ein Traum war es für uns, bis zur Verlosung zu kommen und dann zu merken, dass wir wach sind. Die Stärke der Gegner schätzen wir sehr realistisch ein.

STANDARD: Brasilien wird für Sie am härtesten?
Milutinovic: Nein, am einfachsten. Brasilien ist haushoher Favorit.

STANDARD: Sie haben China als fünftes Land in die Endrunde gebracht nach Mexiko 1986, Costa Rica 1990, USA 1994 und Nigeria 1998. Ist das der Erfolg Ihres Fußballlebens?
Milutinovic: Mit China war es einfacher, als ich glaubte. Wir haben sechs Spiele gewonnen, die schnellste Qualifikation, die ich je mitgemacht hatte. Wenn man aber die Größe des Landes sieht und seine Fußballunerfahrenheit, dann ist das vielleicht wirklich mein größter Erfolg.

STANDARD: Die Buchmacher nehmen Wetten auf einen WM-Sieg Chinas mit der Quote eins zu 200 an.
Milutinovic: WM-Sieg? Statistisch hat noch nie ein WM-Neuling gewonnen. Costa Rica hat es einmal ins Achtelfinale geschafft. Das war schon eine Sensation. Wussten Sie, dass seit Anfang der 50er-Jahre die Weltmeister nur aus sechs Ländern - England, Deutschland, Italien, Brasilien, Argentinien und Frankreich - gekommen sind? Und alle sechs sind jetzt erstmals mit dabei.

STANDARD: Nach dem 7. Oktober, als es China in die Endrunde schaffte, wurden Sie wie ein Nationalheld gefeiert . . .
Milutinovic: Die Fans reden seither wieder nur noch schön über mich, rufen mich Milu. Das ist leichter auszusprechen wegen dem R in Bora.

STANDARD: Zuerst freuten sich die Chinesen, und dann hagelte es Kritik?
Milutinovic: Manchen fiel auf, der trägt ja keine Krawatte, der lacht, der ist nicht ernsthaft. Wir spielten etwa in Kanton im Juli vor vollem Stadium. Im Rang schrien die Fans meinen Namen immer wieder. Wir gewannen drei zu eins gegen Kambodscha. Ich freute mich über den Beifall. Dann warnte mich der Dolmetscher. Die rufen: "Milu, Milu: Hau nur ab!" Die Fans waren über das Gegentor sauer.

STANDARD: Wie weit ist China davon entfernt, zur wichtigen Fußballnation zu werden?
Milutinovic: Der Weg ist noch weit. Aber: Ich war 1977 mit dem mexikanischen Team erstmals in Peking. Wenn mir damals jemand erzählt hätte, wie es in 25 Jahren hier aussehen wird, hätte ich gesagt: unmöglich. Es war wie in einer anderen Welt: Beim Spiel hörten wir keinen Mucks im vollen Stadium. Der Schiedsrichter hatte nicht mal eine rote Karte. Er sagte, in China brauche man für Freundschaftsspiele keine rote Karte. Heute tobt und erregt sich das Publikum so wie überall in der Welt.

STANDARD: Wie stark ist China im Vergleich heute?
Milutinovic: China verfügt über zu wenig internationale Erfahrungen. Die Profiliga ist gerade fünf Jahre alt. Es gibt keine richtige Jugendförderung. Trotz der allgegenwärtigen Fußballbegeisterung gibt es in Belgrad oder in London mehr Fußballplätze als in ganz China.

STANDARD: Ihre erfolglosen Vorgänger als Nationaltrainer, Bobby Houghton und Klaus Schlappner, klagten auch über mangelnden Teamgeist.
Milutinovic: Chinesen sind stärkere Individualisten, als ich gedacht hatte. Das merkt man erst, wenn man mit ihnen arbeitet. Die Ein-Kind-Familie verstärkt das noch.

STANDARD: Wie lange läuft Ihr Vertrag?
Milutinovic: Der Verband hat ihn bis 2002, also bis zur Weltmeisterschaft ausgestellt.

STANDARD: Eines Tages wird man Sie dann wohl den Kaiser Milu von China nennen?
Milutinovic: Wieso eines Tages? Ich bin es jetzt schon.

(Korrespondent Johnny Erling aus Peking, Printausgabe DerStandard 10.12.2001)
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