Linke und rechte Moral?

17. Jänner 2002, 16:17
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Ein Kommentar von Heide Schmidt über Autoritätsgläubigkeit und Erziehung zu selbständigem Denken

Als vor etwa zwei Wochen das Ergebnis der dänischen Wahlen kommentiert wurde, meinte ein Deuter, dieses sei „eine Niederlage der linken Moralpolitik“. Abgesehen vom Unbehagen, das mich beschleicht, wenn ich mir die Definition dieser „linken Moralpolitik“ aus dem Munde des Herren Kommentator vorstelle, abgesehen von der Gänsehaut, die mich überkommt, wenn ich Kostproben „rechter Moralpolitik“ dieses Herren wahrnehme (es handelt sich um den FPÖ-Generalsekretär), so provoziert ein derart hingeworfenes Wort natürlich die Frage nach Moralpolitik überhaupt.

Meine Assoziation an dieser Stelle gilt nicht der Beurteilung der augenblicklichen Politik, sondern vielmehr dem Ort, an dem Werte, die zu moralischem Handeln führen sollen, vermittelt werden: der Schule.

Die Diskussion, wie und in welchem Fach das passieren soll, wird seit den 90er Jahren intensiver geführt – ein Ethikunterricht soll Wertebewusstsein schaffen. Bis heute sind wir in Österreich allerdings über Schulversuche nicht hinaus gekommen, statt dessen wird der konfessionelle Religionsunterricht immer noch als Hort der Moral gesehen und daher als Pflichtgegenstand geführt.

Was Wunder, dass die Anfälligkeit für die These des „Kampfes der Kulturen „ in diesem Land groß ist? Wen wundert’s, dass die eigenständige ethische Urteilskraft bei viel zu vielen Menschen geringer ausgebildet ist als ihre Autoritätsgläubigkeit? Die Delegation der Verantwortung an (im günstigsten Fall wenigstens selbst gewählte) Autoritäten ist von klein auf gelernt. Und politisch offensichtlich gewünscht. Denn es ist leichter, einen Schlagwortkampf zwischen rechts und links zu führen und damit von eigenen (in diesem Fall gemeinsamen ) Unanständigkeiten im politischen Umgang mit Minderheiten und Fremden abzulenken, als sich vor selbstständigen, urteilssicheren Menschen verantworten zu müssen.

Und angebliche linke Moralpolitik zum Feindbild zu erklären, klingt allemal harmloser als mit „Recht des Stärkeren“, „wer zahlt, schafft an“, „Ausländer raus“ die eigene Sache auf den Punkt zu bringen.

NACHLESE
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--> Autoritäre Reflexe und kein Ende!
--> Nationalfeiertag, aber bitte anders!
--> Die unerträgliche Leichtigkeit der Manipulation
--> Offene Gesellschaft?
--> Es ist nicht Krieg
--> Es gibt auch ein geistiges Faustrecht
--> Die Ersatzdiskussion – diesmal am Beispiel Schule
--> Das hohe Ross des Herrn Dr. K.
--> Mehr Wahrheit in die Redaktionsstuben!
--> Die Ehre der Waffen
--> Appell, sich wenigstens dem Sprachbetrug zu verweigern
--> Das zynische Ablenkungsmanöver
--> Zurück in die Vergangenheit
--> Das Sein bestimmt die Bereitschaft zum Bewusstsein
--> Ist Wien anders?
--> "Bitte einmal rechtzeitig
--> Die unerträgliche Leichtigkeit der Demontage
--> Die Selbstbestimmung, die sie meinen

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für Kommentatoren von außen.
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