Das nationale Erwachen der Slowaken

2. Dezember 2001, 22:52
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In der Revolution von 1848 hofften die Slowaken - vergeblich - auf Unterstützung durch das Kaiserhaus. Nationalslowakische Parteien setzten fortan auf Vereinigung mit den Tschechen.

Die ungarische Reformbewegung witterte Morgenluft, als Wien 1844 das Ungarische als Amtssprache des Königreichs (ausgenommen Kroatien) zuließ - bis dahin hatte Latein diese Funktion. Die nationalistischen Radikalen, allen voran Lajos Kossuth, hatten Frankreich als Vorbild für ihren Zukunftsstaat gewählt: Ungarn als einheitlichen Nationalstaat mit einer einzigen vollgültigen Sprache seiner Bürger. Die Slowaken sahen sich einer verstärkten Magyarisierung ausgeliefert. Slowakische literarische Gesellschaften wurden verboten, Beschwerden slowakischer Geistlicher in Wien als Verrat verunglimpft, mit dem Lockruf nach protestantischer Einheit sollten die Lutheraner der Slowakei unter die Fittiche der ungarischen calvinischen Kirche genommen werden. Eine slowakische Nation habe niemals, "nicht einmal im Traum", existiert, ereiferte sich Kossuth. Der ungarische Widerstand gegen das Metternich-Regime krankte von Anfang an daran, dass er den anderen Nationalitäten nicht zugestehen wollte, was die Magyaren für sich verlangten.

Als in Ungarn 1848 die Revolution ausbrach, sah L'udovít Stúr auch die Stunde der Slowaken gekommen. Stúr war als Abgeordneter von Zvolen/Altsohl ins ungarische Parlament gewählt worden. Nun fühlte er sich berufen, am 10. Mai 1848 mit seinen Gesinnungsgenossen in Liptovský Mikulás/Liptau eine slowakische Nationalversammlung zu bilden. In einer Erklärung nannte sie als "Forderungen der slowakischen Nation" die Föderalisierung Ungarns nach ethnischen Grenzen, Zulassung der Muttersprache im Amtsverkehr und in allen Bildungseinrichtungen, ein allgemeines Wahlrecht, einen eigenen Landtag und die proportionale Vertretung der Slowaken im ungarischen Gesamtparlament. Bei der slowakischen Bevölkerung, zum Großteil noch bäuerlich und in beengten wirtschaftlichen Verhältnissen, fand dies großen Widerhall. Der magyarische Hochadel und die radikalen Revolutionsführer waren sich einig, dass der erwachte Widerstand rasch zu unterdrücken sei. Über Oberungarn wurde das Kriegsrecht verhängt. Der Aufstand brach rasch zusammen. Viele Aufrührer wurden von den Honveds an den Alleebäumen, den "Kossuth-Galgen", gehenkt. Die slowakischen Führer Stúr, Jozef Hurban und Michael Hodza, zur Verhaftung ausgeschrieben, flüchteten nach Österreich. In Wien gründeten sie einen "Slowakischen Nationalrat", der die Slowakei für losgelöst aus dem ungarischen Staatsverband erklärte. Notgedrungen wurden die Slowaken zu Verbündeten des Kaiserhauses bei der Niederschlagung der ungarischen Revolution. Die Loyalität zum Haus Habsburg wurde ihnen aber nicht gelohnt. Der junge Kaiser Franz Joseph degradierte zwar das gesamte Ungarn zu einem Kronland, die slowakischen Autonomiewünsche aber wurden nicht berücksichtigt. Als der kaiserliche Neoabsolutismus an Kraft verlor, gab es wenigstens Zustimmung zu drei (konfessionellen) slowakischen Gymnasien und zur Gründung der "Matica slovenská" zur Pflege der slowakischen Sprache und Kultur.

Als sich Franz Joseph nach der Niederlage gegen Preußen zum "Ausgleich" mit Ungarn entschloss, bedeutete dies für die slowakisch-nationalen Bestrebungen einen schweren Rückschlag. Die ungarische Staatsidee verlangte eine unnachgiebige Magyarisierung der Nationalitäten, ob es nun Deutsche, Slawen oder Rumänen waren. Die "Matica" wurde ebenso aufgehoben wie die drei Gymnasien. Ungarisch sollten nicht nur die Ortsbezeichnungen, sondern sogar die Eigennamen sein. Erfolgreich stemmten sich Ungarns Oberschichten und Regierung gegen das allgemeine Wahlrecht, als dieses - endlich - im österreichischen Reichsteil eingeführt wurde; es blieb dabei, dass die Minderheiten nur sehr wenige Vertreter im Parlament hatten. Da die Assimilierung Voraussetzung für den Staatsdienst und andere Aufstiegsmöglichkeiten war, erlag so mancher Minderheiten-Angehöriger der Versuchung, zum "Magyaronen" zu werden.

Andere setzten auf Widerstand. Die von lutherischen Bürgern 1868 gegründete Slowakische Nationalpartei fand bei der katholischen Landbevölkerung wenig Anklang, weil sie ihre panslawischen Hoffnungen auf Russland setzte. Im Schoß der 1895 gegründeten Katholischen Volkspartei Ungarns glaubte der Priester Andrej Hlinka, auch slowakischen Interessen zum Durchbruch verhelfen zu können. Wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er von seinem Kirchenamt suspendiert und kam wegen Aufwiegelei ins Gefängnis. Als Bauern in Hlinkas Heimatdorf dagegen protestierten, schossen die ungarischen Gendarmen in die Menge und töteten zwölf Demonstranten (1907). Schließlich löste sich Hlinka mit seiner klerikal-nationalen Gruppierung als "Slowakische Volkspartei" von der Mutterpartei.

Auch der "Tschechoslowakismus", wie ihn Tomás G. Masaryk vertrat, fand angesichts der magyarischen Unterdrückung insbesondere bei Akademikern, die in Prag studierten, neue Nahrung. Zu ihnen gehörte Milan Hodza (er sollte am Ende der Ersten Tschechoslowakischen Republik zu deren Ministerpräsidenten avancieren). Er gründete mit anderen die Zeitschrift Hlas (Die Stimme), die Palackýs Idee einer regionalen Vereinigung von Böhmen und Mähren mit der Slowakei wieder aufgriff, zumal ja die Tschechen in Österreich wesentlich mehr Freiheiten genossen als die Slowaken in Ungarn. Hlinka stand allerdings den "Hlasisten" distanziert gegenüber - der tschechische Freisinn ließ ihn um die Bewahrung der katholischen Traditionen der slowakischen Bevölkerung fürchten.

Die ungarische Regierung ignorierte die Zeichen der Zeit und war zu keinerlei Zugeständnissen bereit. Im Gegenteil, ein neues Schulgesetz schränkte den Gebrauch der Muttersprache nun sogar in den Grundschulen weiter ein (1907). In Oberungarn waren die Beamtenstellen fast ausschließlich von Magyaren besetzt. Die Slowakei, deren Ackerland sich zum größten Teil im Besitz ungarischer Magnaten befand, während gleichzeitig die gering bleibende Industrialisierung der Dorfarmut keine Beschäftigungschancen außerhalb der Gutsbetriebe bot, wurde immer mehr zum agrarischen Elendsgebiet. Allein im letzten Vierteljahrhundert der Doppelmonarchie wanderten 600.000 Slowaken nach Amerika aus.

Noch war für alle politischen Führer der Slowakei, die um die Erhaltung ihres Volkstums rangen, nur eine mehr oder weniger ausgeprägte Autonomie der Slowakei im Rahmen der Monarchie vorstellbar. Das war auch am Beginn des Ersten Weltkriegs noch so. Erst als sich die Schwäche des Habsburgerstaats offenbarte, eröffneten sich im Exil nicht nur für Masaryk und Benes, sondern auch für slowakische Emigranten neue Perspektiven. Gemeinsam mit Benes gründete der slowakische Astronom und Politiker Milan Rastislav Stefánik 1915 ein Aktionskomitee, das sich für die Errichtung einer vereinten Tschecho-Slowakei aussprach. In Amerika wurden Vereine ins Leben gerufen, die bei den Auswanderern für Unterstützung eines Neubeginns der alten Heimat warben. Im "Vertrag von Cleveland" traten diese Emigrantenvereine für die Vereinigung und Selbstständigkeit ihrer Länder ein. Aus ihren Reihen kamen, neben Kriegsgefangenen und Überläufern, die Angehörigen der Tschechoslowakischen Legionen, zu denen Stefanik - der zum französischen Brigadegeneral aufstieg - aufgerufen hatte.

In Amerika vereinte Masaryk im Vertrag von Pittsburgh die tschechischen und slowakischen Emigrationspolitiker zum Beschluss der Gründung eines tschechoslowakischen Staates. Festgehalten wurde darin auch, dass die Slowakei in diesem Staat eine autonome Verwaltung, ihren Landtag, ihre eigenen Gerichte erhalten und die Amtssprache Slowakisch sein sollte. In der Heimat forderten am 1. Mai 1918 die slowakischen Sozialdemokraten Selbstbestimmung. Am 24. Mai kamen die Führer der Nationalpartei und der Volkspartei Hlinkas in Turciansky Sv. Martin zusammen und erklärten die Bereitschaft, das Selbstbestimmungsrecht zur Gründung eines gemeinsamen Staates mit den Tschechen zu nutzen. Ende September wurde ein "Slowakischer Nationalrat" gegründet; seine Vertreter sprachen am 19. Oktober im Budapester Parlament die endgültige Trennung von Ungarn aus. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 1./2. 12. 2001)

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