Vom Schein zum Vorschein

30. November 2001, 21:25
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Wendelin Schmidt-Dengler über Johann Nestroy: Eine elegante Anmerkung

Angenehmerweise schreibt Wendelin Schmidt-Dengler, Germanistik-Professor an der Universität Wien, über Literatur so, dass es auch Leser verstehen, die kein einschlägiges Studium hinter sich gebracht haben. Das wirkt nicht nur bei Werken anregend, die dem Interessierten nicht immer bis in die feinsten Verästelungen geläufig sind, es funktioniert bei solchen, die einem als besondere Schmuckstücke einer im Lauf des Leselebens entstandenen Lektüreliste im Gedächtnis haften geblieben sind, sogar noch besser.

Gerade Johann Nestroy ist einer der Autoren, die beinahe jedem, der sich einmal intensiver mit seinem Werk auseinandergesetzt hat, eine Anmerkung abnötigen - und sei es lediglich die, dass ihm Nestroy in seiner Schulzeit herzlich verleidet wurde. Er darf also aufgrund seiner Popularität ebenso sehr als "riskanter" Autor für den Rezensenten gelten wie aufgrund der problematischen Kanonisierung als Mitbegründer des "typisch Österreichischen" in der Literatur, die ihm die Literaturgeschichte spätestens seit der Wiedergutmachung angedeihen ließ, welche Karl Kraus an dem bis dahin in die Schublade scherzhafter Unseriosität Verräumten vorgenommen hatte.

In seinem 175 Seiten umfassenden Buch "Nestroy - Die Launen des Glückes" gibt Schmidt-Dengler nicht nur unaufdringlich über die Launen Auskunft, denen der Dichter seit seinem ersten Erscheinen auf der Szene durch die Fachleute der Theater- und Literaturwissenschaft ausgesetzt war. Er nimmt sich besonders kenntnisreich jener Theaterstücke an, die eben nicht den später gewachsenen Ruhm Nestroys begründet haben, sondern die, am Anfang seines Schaffens verfasst, zwar schon einiges vom technischen Schliff der späteren Stücke aufweisen, zugleich aber deutlich verspielter die Grenzen des Genres ausloten und, für heutige Leser leichter erkennbar als für Nestroys Zeitgenossen, nicht nur formal eine unvorstellbare Überschreitung wagen.

Oder, um mit Schmidt-Dengler zu sprechen: "Die überlieferten Rezensionen der Aufführung sind allgemein positiv, nur von einer wird das Stück als unsäglich trivial und symptomatisch für den elenden Zustand der Schaubühne bezeichnet. Ist man hingegen durch die Schule des absurden Theaters gegangen, hat man Karl Valentins Dialoge im Ohr, so wird man diese eklatante Banalität der Dialoge und Reden anders beurteilen. Das ist kein Vorgriff auf das absurde Theater oder auf die dramatischen Versuche der Avantgarde wie bei Konrad Bayer oder H.C.Artmann, sondern das ist absurdes Theater, das ist Avantgarde."

Wie sehr Nestroy zu den Modernen zu zählen ist, wie ausführlich seine Adepten und die nachgeborenen Bühnenautoren aus der Quelle geschöpft haben, die er angeschlagen hat, führt Schmidt-Dengler auch dem prägnant vor Augen, der die Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts eher als Aneinanderreihung von Irrtümern, aufbauend auf den falschen Schlüssen der Romantik missversteht und in Nestroys Epoche - auch mit Verweis auf eben diesen Autor - den letzten erfolgreichen Versuch der Befestigung eines von den Weltenläufen unangreifbaren Lebensentwurfes zu sehen versucht. Was heißt hier schon Biedermeier. ( Von Samo Kobenter - DER STANDARD, Album, Sa./So., 1./2.12.2001)

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