Emeritierter Mudjahed in Gucci-Schuhen

28. November 2001, 20:26
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Pir Sayyid Ahmad Gailani ist einer der wenigen afghanischen Mudjahedin, denen das schmückende Beiwort "gemäßigt" zusteht, und als solcher will der 69-Jährige im zukünftigen Afghanistan eine Rolle spielen. Auf den Petersberg ist er allerdings nicht selbst gereist, dort vertritt seine aus achtzehn zumeist paschtunischen Parteien zusammengesetzte "Peschawar-Gruppe" sein Sohn. Dieser wird die spirituelle Würde eines "Pir" - eines alten, weisen Führers - von ihm erben, wie er sie vom eigenen Vater geerbt hat.

Die Gailanis stammen, wie ihr Name vermuten lässt, ursprünglich aus der heute iranischen Region Gilan am Kaspischen Meer, sein Vorfahre Abdul Qadir Gailani (oder, auf Arabisch, Djilani) gründete um 1100 in Bagdad den Mystikerorden Qadiriya, der heute noch in der ganzen islamischen Welt seine Anhänger hat. Gailani ist ein "Sayyid", das heißt, er führt seine Abstammung auf den Propheten Mohammed zurück.

Ein anderer Grund für sein Ansehen besonders in paschtunischen Kreisen ist die durch etliche Heiraten befestigte Verwandtschaft mit der Familie des Exkönigs Zahir Shah. Dieser hat dem erfolgreichen Geschäftsmann in besseren Zeiten (das heißt vor seiner Absetzung 1973) die Vertretung von Peugeot in Afghanistan zugeschanzt. Gailani hat sich die ganzen Jahre über als Anwalt einer Restauration der Monarchie gesehen, nach dem Abzug der Sowjets 1989 wollte aber niemand auf ihn hören, im Gegenteil, die Amerikaner ließen ihn damals fallen. Heute meint er, es ginge ohne den inzwischen 86-jährigen König auch, aber da dieser schon einmal da sei und "very much alive" . . .

Während seine Vorfahren als Sufis (Mystiker) - die ihren Namen von ihrer Wollkutte haben (suf, Wolle) - bescheiden durch die Welt zogen, hat sich Gailani durch seine westliche Eleganz den Spitznamen "Gucci-Mann" eingehandelt. Seine nie sehr starke "Mahaz-e Milliye Islami Afghanistan" (National-Islamische Front Afghanistans) war zwar während der sowjetischen Besatzung als Mudjahedin-Gruppe unter denjenigen, die - wie die ganz wilden - vom pakistanischen Geheimdienst ISI und der CIA unterstützt wurden, aber schon damals galt Gailani eher als Ohrensessel-Kommandant. Diese alten Verbindungen werden ihm aber heute von Teilen der Nordallianz schwer verübelt, er steht im Ruf, jahrelang auch auf einen Konsens mit den Taliban aus gewesen zu sein.

Im Gegensatz dazu steht sein Ruf im Westen, für den - und für die nicht religiösen Intellektuellen Afghanistans (meist im Exil) - Gailani deshalb ein Mann der Zukunft ist, weil er seit Jahren die Einberufung einer Interimsregierung fordert, die Afghanistan eine moderne Verfassung mit Wahlen und Gewaltenteilung bescheren soll. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.11.2001)

Von Gudrun Harrer
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