Medikamente als "Rettungsanker" bei befürchteter Infektion

27. November 2001, 12:15
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Hinweise auf 80-prozentige Wirksamkeit

Wien - "Safer Sex" und auch sonst "Nur kein Risiko eingehen!" - Das ist der seit nunmehr rund 20 Jahre geltende Rat der Experten zur Verhütung von Aids-Infektionen. Bei einem "Unfall" aber gibt es als "Rettungsanker" noch die Möglichkeit der Verhinderung des Angehens einer Ansteckung mit HIV durch die möglichst rasche Einnahme von Arzneimitteln.

Für diese "Postexpositionelle Prophylaxe" (PEP) stellen zwei Pharmaunternehmen Spitälern und interessierten Ärzten jetzt "Startpakete" zur Verfügung. Dies erklärten am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien österreichische Aids-Experten.

"Bitte schreiben Sie, dass man ein Kondom verwenden sollte. PEP kann aber einen 'Rettungsanker' nach einem beruflichen Risiko, zum Beispiel bei einer Nadelstichverletzung, oder nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr darstellen, wenn eine Infektion stattgefunden haben könnte", erklärte Prim. Dr. Norbert Vetter, Vorstand der 2. Medizinischen Abteilung am Pulmologischen Zentrum Baumgartner Höhe in Wien.

Einen wirklich harten Beweis für die Wirksamkeit gibt es nicht. Doch einige Hinweise deuten doch auf einen deutlichen Effekt einer solchen Intervention hin. Oberarzt Dr. Armin Rieger von der Universitäts-Hautklinik am Wiener AKH: "Man hat in retrospektiven Studien (Kontrolle im Nachhinein, Anm.) durchgeführt. Dabei hat sich gezeigt, dass die Transmissionsrate von HIV nach Nadelstichverletzungen durch eine solche Prophylaxe um rund 80 Prozent reduziert werden dürfte."

Übertragung auf den Embryo

Ähnliche Daten gibt es aus der prophylaktischen Anwendung von Aids-Medikamenten bei HIV-positiven Schwangeren. Hier beträgt die Übertragungsrate von der Mutter auf das Neugeborene ohne medikamentöse Vorbeugung 25 bis 30 Prozent. Allein durch die Einnahme des ältesten Aids-Medikamentes Zidovudin (AZT) sinkt sie auf acht Prozent. Die Anwendung einer Kombinationstherapie reduziert die Übertragungshäufigkeit auf weniger als zwei Prozent.

Das "Startpaket" der Pharmakonzerne Merck, Sharp & Dohme sowie von GlaxoSmithKline besteht aus einer kleinen Ernstfall-Box samt Informationsmaterial und Aidsmedikamenten mit den Substanzen Zidovudin (AZT), Lamivudin und Indinavir. Das optimale Vorgehen möglichen Gefährdungsfall: Ein Spital kontaktieren und bei begründetem Verdacht mit PEP die Zeit überbrücken, bis man die Sachlage in einer Spezialabteilung endgültig abgeklärt hat.

Wichtig: Möglichst schnell sollte festgestellt werden, ob der Partner wirklich ein Infektionsrisiko bedeutete. Nur bei etwa einem Prozent der Patienten, die Aids-Ambulanzen im akuten Gefährdungsfall aufsuchen, ist eine vier Wochen dauernde PEP-Behandlung auch wirklich notwendig. Bei den übrigen stellt sich der "Verdacht" als unbegründet heraus.

Mag. Claudia Kuderna, Geschäftsführerin der Aids-Hilfe Wien: "Eine breite Information über PEP ist auch gefährlich, weil einfach Nachlässigkeit in der Primärprophylaxe die Folge sein kann. Die Kombinationstherapie wird von Vielen bereits fälschlicherweise als Heilung von HIV angesehen." Daher: "Safer Sex" und die Vermeidung der übrigen Infektionsrisiken müssen absoluten Vorrang haben. (APA)

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