Die Weltliteratur in 51 Beispielen

27. November 2001, 18:51
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27. November 2001

Mit einer höchst originellen Titelgeschichte beteiligt sich diese Woche "profil" am Vorweihnachtsrummel: Alles, was man lesen muss - Die 50 wichtigsten Bücher aller Zeiten. Natürlich waren es wieder einmal die alten Kalauer von der Odyssee eines ungewissen Homer bis zu Kafkas Prozess, von Goethes Faust bis zum Ulysses von James Joyce. Die Bibel, jesses! Eh klar, Dantes Göttliche - eine Pflichtübung. Aber schon etwa Jean Paul - wird auch nicht gelesen. Nicht ein einziger Chinese dabei. Oder Manzoni? Na ja, was soll bei einem Kanonisierungsmarsch auf Krücken durch eine Weltliteratur im 50er-Pack schon herauskommen? Die Fellners ranken Prominenz nie unter 100, meist darüber. Das ist Seriosität!

Professor Wendelin Schmidt-Dengler versuchte zu retten, was zu retten war und spendete Worte, die nur auf den Österreich am besten charakterisierenden, wenn auch außerhalb des Rankings mitlaufenden Beiträger zur Weltliteratur gemünzt sein konnten, der in dieser "profil"-Nummer auftrat: Es gibt derzeit einen großen Weltmentalitätswandel, entstanden durch die Massenkultur. Gerade in der Postmoderne, in der es so viele Beliebigkeiten gibt, möchte man wissen, was zählt. - Ja, Wolf Martin hat es geschafft! Wo sich die gesamte Weltliteratur auf kaum sechs Seiten zusammendrängt, konnte sich er allein mit einer Lesung aus seinem neuen Poesiealbum immerhin anderthalb Druckseiten sichern.

Puristen mag die Gewichtung wundern, aber die Beschreibung seines Auftritts im blauen Kulturpalast, dem Palais Auersperg, ist der Materie angemessen, da kann man nichts sagen. "Format" ist vorsichtshalber viel netter zur "Krone". Es brachte ein dem Format Wolf Martins keineswegs gerecht werdendes Interview, in dem dieser etwa mit folgender Frage zu seinem Schaffen konfrontiert wurde: Manchmal hat man beim Lesen Ihrer Verse das Gefühl, daß Sie mit den sogenannten "linken Kreisen" noch eine Rechnung offen haben. Schreiben Sie Ihre Verse mit Emotionen?

Also darauf muss man nach dem täglichen Blick in die Jauchegrube erst einmal kommen. Wer solche Fragen stellt, steckt auch Antworten wie die folgende apathisch ein: Meine Abkehr von linker Weltanschauung . . . ging Hand in Hand mit meiner Hinwendung zur Philosophie Schopenhauers Anfang der achtziger Jahre.

In solchen Zusammenhängen genannt zu werden, hätte sich Schopenhauer gewiss nicht träumen lassen, dabei ist sein Pessimismus bis heute notorisch. Und Verse von derart diabolischer Niedertracht, wie jene vom Samstag in der "Kronen Zeitung", die in der Unterstellung gipfelten, Frau Coudenhove Barbara/ gehn Raub und Völkermord nicht nah, hätten den alten Miesmacher vielleicht veranlasst, gegen den Poeten ähnlich vorzugehen wie einst gegen seine Haushälterin, der mit Sicherheit weniger vorzuwerfen war.

Aber hinab von den Höhen der Weltliteratur in die Tiefen der Brotschreiberei. Lange musste das Publikum darauf warten, gestern war es so weit: der Finanzminister mit Hund in der "Krone"! Um sozusagen auch abseits der großen Politik zu helfen - wo hilft sozusagen dieser Steuerquäler eigentlich noch? - übernahm der sympathische 32-Jährige nun eine Patenschaft für einen Schützling der "Tierecke".

Damit erschöpfen sich die Leistungen der Sympathiekanone für die "Tierecke" aber noch lange nicht. Ein paar Seiten weiter hinten fand sich wieder die übliche Entgeltliche Einschaltung des Finanzministers, auf der zu Nutzen des Blattes, zu Frommen des frisch gebackenen Hundepaten und zu Lasten des Steuerzahlers unter dem Vorwand der Euroinformation ganzseitig Reklame für Karl-Heinz gemacht wird. Sein Foto fehlt auch diesmal nicht, hier ist nur der wunderschöne Malamut-Rüde durch den wunderrüden Haider-Anwalt und Justizminister ersetzt.

Dass die wechselseitige Handwaschung unter dem Titel Aktion Ehrlich zahlt sich aus läuft, kann nur als eine Pflanzerei aller Ehrlichen und Anständigen empfunden werden. Benachteiligt könnte sich die grüne Abgeordnete Eva Glawischnig fühlen, posierte doch auch sie mit einem Hund, ohne dass ihr jemand zusätzlich eine entgeltliche Einschaltung spendierte, auf der sie uns über den Euro informieren könnte. Doch was soll 's - in dieser Zeit zum Hundeln ist für die "Krone" klar: Die Nationalratsabgeordnete der Grünen sieht jetzt die Zeit zum Handeln gekommen.

Enttäuschend waren nur die Fellners. Nachdem sie das Ehedrama im Hause Klima vorige Woche in mindestens drei ihrer Magazine zu Brei gekaut hatten, ist der dünne Erzählfaden im montäglichen "Format" plötzlich abgerissen. Am Wochenende hatte sich, wie hier vorausgesagt, auch "Woman" eingeschaltet und den journalistischen Untergang des Hauses Uschi erläutert: Erst munkelte man nur, dann verbreitete sich das Gerücht wie ein Grippevirus. Die Überträger sind bekannt. Dann wurde Fortsetzung versprochen: Das öffentliche Paar, das mit seiner Bilderbuchliebe stets im Schaufenster stand, muss sich jetzt gefallen lassen, dass sein Publikum auch am Trennungsschmerz teilhaben will.

Meines auch. Wie soll man Leser gegen das Fellnersche Grippevirus immunisieren, wenn "Format" als Bazillenzuträger auslässt? Es hätte ja nichts Neues drinstehen müssen, diesbezüglich sind wir anspruchslos. Aber eine Deutung des Ehe-Dramas etwa aus der Sicht Grollis - "Die Pferde brachten uns auseinander" - wäre doch kein Problem gewesen. Zur Not mit Foto: Grasser streichelt den sympathischen Grolli.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. November 2001)

Von Günter Traxler
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