Vom "Darmgehirn" bis zum Brustkrebs

25. November 2001, 21:24
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Fünf Wissenschafter-Teams der Universität Graz wurden ausgezeichnet

Graz - Die Forschungsarbeiten reichen vom "Darmgehirn" bis zum Brustkrebs, von durch Bluthochdruck verursachten Nierenschädigungen bis zu einer Operationsmethode, die behinderten Kindern hilft: Am Freitag wurden fünf Wissenschafter-Teams der Universität Graz mit den diesjährigen Preisen der Aventis-Stiftung zur Förderung der medizinischen Forschung ausgezeichnet.

Brustkrebs ist nicht nur eine Krankheit des entstandenen Tumors: Grazer Pathologen haben im Rahmen eines der ausgezeichneten Projekte bewiesen, dass sich genetische Veränderungen nicht nur in den bösartigen Anteilen des Brustgewebes finden. Univ.-Prof. Dr. Farid Moinfar vom Institut für Pathologie der Universität Graz konnte zeigen, dass es offenbar schon frühzeitig zu einer Interaktion zwischen den bösartigen Zellen und dem umgebenden (gutartigen) Gewebe kommt.

"Im Grund haben wir untersucht, ob bestimmte genetische Veränderungen, die in malignen (bösartigen, Anm.) Tumoren auffällig sind, auch in Gewebe in der Nähe zu einem Karzinom oder weiter entfernt bemerkt werden können", erklärte Moinfar aus Anlass der Zuerkennung des Preises.

Verschwinden

Bekannt ist, dass bösartige Zellen oft Gen- oder Chromosomenabschnitte verlieren. Das führt häufig zu einem Verlust der Heterozygosität. Der Grazer Wissenschafter: "Normalerweise hat ja jede Zelle zwei Kopien von jedem Gen. Eine stammt von der Mutter, eine vom Vater." Doch bei der Entartung von Zellen in Richtung Krebs verschwinden oft Anteile einer der Gen-Kopien oder gar ganze Teile von Chromosomen. Das kann zum Beispiel zur Ausschaltung von Tumor-Suppressor-Genen führen. Wichtige Kontrollmechanismen fallen dann aus.

Um die Verbreitung solcher Veränderungen bei gesunden Frauen und bei Brustkrebspatientinnen zu untersuchen, verglichen die Grazer Wissenschafter das Vorhandensein dieser Gen-Veränderungen an Hand von Gewebeproben aus Brustkrebstumoren (Epithelialzellen) sowie von Proben aus dem umgebenden bzw. entfernteren Bindegewebe (Stroma). Als Vergleichsmaterial dienten aber auch Brustgewebeproben von gesunden Frauen nach kosmetischen Eingriffen.

Neues Licht

Was sich bei den Tests herausstellte, wirft ein neues Licht auf bisher wenig bekannte Umstände: Bei 73 Prozent - acht von elf - der untersuchten Brustkrebspatientinnen zeigten sich die charakteristischen genetischen Veränderungen sowohl im Tumorgewebe selbst als auch im ("gesunden") Bindegewebe. Zum Teil wurden sie auch noch weiter entfernt vom Karzinom entdeckt. Bei den gesunden Frauen, die einen kosmetischen Eingriff an der Brust durchführen hatten lassen, gab es keine derartigen Hinweise auf genetische Veränderungen. Moinfahr: "Wir kommen zu der Schlussfolgerung, dass das Stütz- und Bindegewebe (Stroma, Anm.) der weiblichen Brust eine Schlüsselrolle in jenen Prozessen spielt, die zur Transformation von (Epithel-)Zellen bei der Entstehung eines Mammakarzinoms führen."

Weitgehend autonom

Dem Laien kaum bekannt: Im Darm des Menschen gibt es mehr Nervenzellen als im Rückenmark. Derart "unauffällig" steuert dieses "Gehirn" weitgehend autonom die Funktion des lebenswichtigen Organs. Grazer Wissenschafter haben herausgefunden, dass offenbar bestimmte Neuropeptide und die Rezeptoren, an denen sie wirken, eine besondere Rolle spielen.

Anaid Shahbazian und ihr Mitautor Univ.-Prof. Dr. Peter Holzer wurden dafür mit einer der Auszeichnungen der Aventis-Stiftung geehrt. "Man spricht manchmal sogar vom zweiten Hirn des Menschen, wenn die Rede vom Nervensystem des Darms ist. Immerhin gibt es dort rund 100 Millionen Nervenzellen. Das sind mehr als im Rückenmark", erklärte Shahbazian.

Nervenbotenstoff

Die Wissenschafterin hat sich speziell mit dem Nervenbotenstoff Endothelin beschäftigt. Er wird von den Nervenzellen im Darm produziert. Um die genaue Wirkungsweise zu bestimmen, untersuchten die Grazer Forscher, wie sich diese Substanz auf die Peristaltik von isolierten Darmabschnitten von Meerschweinchen auswirkte.

Shahbazian: "Endothelin fördert oder hemmt die Darmperistaltik, je nachdem, ob es über Endothelin-A-Rezeptoren oder Endothelin-B-Rezeptoren wirkt." Solche Funktionen dürften auch eine Rolle bei der Darmlähmung als akute Erkrankung - beispielsweise als Nebenwirkung einer Narkose - spielen. Nun hoffen die Wissenschafter auf die Entdeckung von Arzneimitteln, um solche Probleme besser behandeln zu können.

Bessere Behandlungsmethoden für Kinder mit Lähmungen nach vor oder bei der Geburt erlittenen Gehirnschäden: Für eine Studie mit 22 Kindern mit "Spitzfuß"-Lähmungserscheinungen an den Beinen erhielt Dr. Vinay Saraph, Oberarzt an der Abteilung für Kinderorthopädie an der Universitätsklinik für Kinderchirurgie in der steirischen Landeshauptstadt, einen der Preise der Aventis-Stiftung.

Saraph: "Früher hat man diesen steifen 'Spitzfuß' als häufige Folge frühkindlicher Hirnschäden - zu solchen kommt es immer noch bei einem bis drei von 1.000 Neugeborenen - unzureichend durch Gipsverbände behandelt." Zwar wurden mehrere Verfahren zur operativen Behandlung des "Spitzfußes" entwickelt, doch die Chirurgen waren mit den Ergebnissen nicht absolut zufrieden.

Operationsmethode nach Baumann

Eine Neuerung brachte vor einigen Jahren (ab 1989) die Operationsmethode nach Baumann. Sie wurde nach einem Schweizer Orthopäden benannt. Saraph: "Dabei werden die Faszie - also die Hülle - der beteiligten Muskeln quer gekerbt und die Muskelfasern gedehnt." Laut der Studie der Grazer Experten ist dieses Verfahren wesentlich besser als die alten.

Die beiden weiteren ausgezeichneten Projekte: Dr. Sabine Zitta von der Abteilung für Nephrologie der Medizinischen Universitätsklinik in Graz hat nachweisen können, dass Bluthochdruckpatienten schon frühzeitig Veränderungen der Nierenfunktion aufweisen. Im Frühstadium lässt sich das allerdings durch die medikamentöse Therapie der Hypertonie wieder korrigieren. Dr. Gunther Marsche vom Institut für Medizinische Biochemie und Medizinische Molekularbiologie der Universität Graz und sein Team haben schließlich Detailmechanismen bei der Entstehung der "Gefäßverkalkung" (Atherosklerose) entschlüsselt.

Die Aventis-Stiftung vergibt jährlich 500.000 Schilling für von Jurys ausgewählte medizinische Forschungsprojekte an den drei medizinischen Fakultäten (Wien, Innsbruck und Graz). (APA)

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