Für Nordallianz liegt Kundus auf dem Weg nach Kandahar

22. November 2001, 17:09
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Standard-Mitarbeiter Eldad Beck aus Imam Sahib

Vor einer Woche wurde die Stadt Imam Sahib, ein größeres Handelszentrum in Nordafghanistan, von der Taliban-Herrschaft befreit. Eineinhalb Jahre lang dauerte der Kampf zwischen den Taliban und der Nordallianz um die strategisch wichtige Stadt und ihren bedeutenden Flusshafen, Sir han. Innerhalb weniger Tage normalisierte sich das Leben wieder - soweit dies nach einer so langen Zeit von Krieg und Verwüstung möglich ist. Die Einwohner von Imam Sahib, die nach der Machtübernahme durch die Taliban die Stadt verlassen hatten, sind fast alle wieder zurück gekehrt. Die staubigen Straßen, die in die Stadt führen, sind immer noch von Kolonnen von Eseln, Kamelen, Fuhrwerken und einigen Lastwagen verstopft, die Flüchtlinge mit ihren Habseligkeiten nach Hause oder Güter auf die geschäftigen Märkte und Bazare von Imam bringen.

Ruhe und Sicherheit

„Man kann jetzt wieder auf die Straße gehen, ohne fürchten zu müssen, dass einem etwas zustößt“, versichert Hajji Rauf Ibrahimi, einer der lokalen Kommandanten der Nordallianz in der Stadt. „Seit wir Imam befreit haben, herrschen hier Ruhe und Sicherheit“, sagt er in einer kleinen Apotheke in der Nähe des Militär-Hauptquartiers.

Versöhnung statt Rache

Die neuen alten Herrscher über Imam Sahib wollen eine neue Seite in der Geschichte ihrer Stadt aufschlagen: keine endlosen blutigen Rache-Massaker, sondern Versöhnung. Daher wurden die Taliban nicht hingerichtet, die nach dem Fall der Stadt gefangen genommen wurden und die vorher die Bevölkerung tyrannisiert hatten. Die Taliban, die aus der Gegend stammten, wurden in zwei Gruppen geteilt: Die Krieger wurden gemeinsam mit sieben Kämpfern aus dem Pandjab ins Gefängnis gesteckt. Diejenigen, die in der zivilen Verwaltung der Taliban gearbeitet hatten, wurden nach Hause geschickt. Die Taliban aus anderen Teilen Afghanistans durften nach Kundus oder Kandahar gehen, den letzten beiden Taliban-Hochburgen. Kein einziger arabischer Kämpfer von Osama Bin Ladens al-Qa’ida wurde in Imam gefunden. Laut Hajji Rauf hat die Allianz keine Informationen über arabische Freiwillige in der Region. Überraschenderweise auch nicht von Kundus, obwohl andere Berichte davon erzählen, dass der harte Kern der Araber die Afghanen zwingen wollte, Kundus bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Hajji Rauf nahm an den intensiven und schwierigen Verhandlungen teil, die in den letzten Tagen über die Aufgabe von Kundus geführt wurden. „Ich habe einen Talib gefragt, ob die Berichte über arabische und andere ausländische Freiwillige stimmen, und der hat mir versichert, das sie grundlos sind. Die Ausländer, die meisten von ihnen Pakistanis und Usbeken, auch einige Chinesen, haben Kundus knapp vor der Einkesselung verlassen. Sie alle sind nach Kandahar gegangen. Nur die afghanischen Taliban sind in Kundus zurückgeblieben, und die fürchten jetzt ein Massaker. Aber wir haben ihnen klargemacht, dass so was nicht passieren wird.“

Zehn Leibwächter

Mohammed Sharif, 62 und langjähriger Kommandant der Allianz, hat ebenfalls an den Verhandlungen über eine Übergabe von Kundus teilgenommen. Die Verhandlungen über die letzten Details der Kapitulation fanden in mittelalterlichem Ambiente statt, nahe der Frontlinie. Die Allianz entsandte 15 Kommandanten, die Taliban ihre geistlichen und militärischen Führer. Jeder Vertreter wurde von zehn Leibwächtern begleitet. Mehr als 200 Menschen saßen auf dem Boden, um darüber zu verhandeln, ob sich Kundus friedlich ergeben oder blutig erobert werden müsse.

„Die Taliban haben sich überhaupt nicht vor uns gefürchtet“, erzählt Sharif. Sie seien bereit weiterzukämpfen, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Wenn Kundus befreit ist, wird die Straße vom Norden nach Kabul wieder geöffnet werden. Und die Entscheidungsschlacht um Kandahar wird beginnen.(DER STANDARD, Print- Ausgabe, 23. 11. 2001)

In den von den Taliban befreiten Ortschaften Afghanistans kehrt langsam wieder eine relative Normalität ein. Die arabischen Kämpfer um Osama Bin Laden dürften sich großteils von Kundus nach Kandahar zurückgezogen haben.
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