Mordfall Schriefl: Richter veranlasste weitere Speicheltests

21. November 2001, 15:12
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Proben der seinerzeitigen Tatverdächtigen wurden nicht analysiert

Wien - In knapp zwei Wochen wird - wie bereits berichtet - im Wiener Straflandesgericht der Mordfall Alexandra Schriefl verhandelt. Obwohl Staatsanwalt Ernst Kloyber felsenfest davon überzeugt ist, mit Herbert P. (33) den Mann gefunden zu haben, der am 26. Oktober 1988 nach einem Disco-Besuch in Wien-Favoriten die damals 20 Jahre alte Verkäuferin vergewaltigt und erdrosselt hat, sind nach Erstellung der Anklage weitere Erhebungen getätigt worden. Wie die Info-Illustrierte "News" berichtet, hat Richter Johannes Jilke Speicheltests von drei weiteren Männern veranlasst.

Von DNA-Gutachten massiv als Täter belastet

Dabei handelt es sich jedoch eher um die Einhaltung formaler Spielregeln als um eine angeblich "sensationelle Wende". Immerhin wird Herbert P. von einem DNA-Gutachten massiv als Täter belastet: Die genetischen Spuren, die der Mörder seinerzeit an der Leiche zurück gelassen hat, stimmen demnach "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" mit der DNA-Struktur des Verdächtigen überein. Die Möglichkeit, dass eine zweite Person mit einem derartigen genetischen Code existiert, beziffert das Gutachten mit 1: 9.500 Milliarden.

Allerdings hat ein Mann - lange bevor man auf die Spur von Herbert P. kam - den Mord an Alexandra Schriefl "gestanden". Vor mehr als zehn Jahren prahlte er damit in betrunkenem Zustand in einem eher übel beleumundeten Lokal. Als die Kriminalabteilung Niederösterreich davon Wind bekam, bat man ihn zu einer Einvernahme, im Zuge derer der Mann ein - offensichtlich unrichtiges - Geständnis ablegte. Er behauptete auch, sein Bruder und ein gemeinsamer Freund wären bei der Bluttat dabei gewesen.

Später hat der Mann diese Angaben entschieden widerrufen, und da sich die Indizien gegen das Trio nicht verhärteten, wurden die Betreffenden auch nicht weiter verfolgt. Am 1. Oktober 2000 konnte dann Herbert P. unter dringendem Tatverdacht festgenommen werden - dank Kommissar Zufall: Nach einer Wirthausrauferei war ihm Wochen vorher routinemäßig eine Speichelprobe entnommen worden. Fazit: Seine DNA "passt" zu der jenes Mannes, dessen Spermaspuren an Schriefls Leiche sichergestellt worden sind.

Speichelproben der seinerzeitigen Tatverdächtigen wurden nicht analysiert

In der folgenden gerichtlichen Voruntersuchung gegen Herbert P. wurde jedoch verabsäumt, auch die Speichelproben der seinerzeitigen Tatverdächtigen analysieren zu lassen. "Im Sinne eines fairen Verfahrens hätte das zweifellos angeordnet werden müssen", meinte dazu Richter Johannes Jilke, der den Geschworenenprozess leiten wird, am Mittwoch gegenüber der APA.

Immerhin bestreitet Herbert P. ja, mit dem Mord etwas zu tun zu haben. Der Richter entschied daher, die drei Männer nachträglich gentechnisch "abchecken" zu lassen: "Im Sinne der gebotenen Objektivität ist das wohl unumgänglich." Die damit betraute Innsbrucker Gerichtsmedizin sollte die Ergebnisse bis zum Prozessauftakt am 4. Dezember vorlegen können.

Unterdessen musste Herbert P. seine Verteidigung ein weiteres Mal wechseln. Nachdem ihm bereits prominente Anwälte wegen Unstimmigkeiten bzw. unüberbrückbarer Auffassungsunterschiede die Vollmacht gekündigt hatten, musste die "neue Wahl" des 33-Jährigen kurzfristig "passen": Es stellte sich heraus, dass die junge Anwältin noch nicht alle Prüfungen abgelegt hat, um in einem Schwurverfahren auftreten zu können. Mit der routinierten Strafverteidigerin Christine Wolf hat Herbert P. aber doch noch rechtzeitig einen Ersatz gefunden. (APA)

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