König Zahir bestbewachter Mann Italiens

18. November 2001, 20:54
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Auf der Liste der gefährdeten Personen ganz vorne

Nach einer Piazza Verdi sucht man hier vergeblich. Die Straßenbezeichnungen lauten C oder F. Die Häuserblocks - "Inseln" genannt - sind durch Zahlen gekennzeichnet. Auch die Namensschilder sind nur mit Buchstaben oder Ziffern versehen. Anonymität gehört in Olgiata zum Lebensstil. Mauern und dichte Hecken schützen die Swimmingpools vor indiskreten Blicken, private Wachgesellschaften mustern jeden Besucher.

Das noble Villenviertel im Norden der Hauptstadt ist Roms Beverly Hills. Die Reichen sind dort am liebsten unter sich. Doch seit dem 11. September ist für Olgiatas feine Gesellschaft die Welt nicht mehr in Ordnung. Anlass dafür ist ein 86-jähriger Greis, der fast drei Jahrzehnte ungestört durch die Pinienhaine des Ortes spazierte. Der freundliche alte Herr wohnt in einer der bescheideneren Villen und trägt stets ein Halstuch, um die Narben eines Messerattentats zu verbergen.

Zahir Schah wurde von keinem Journalisten belästigt, die meisten kannten kaum seinen Namen. Jetzt wird die Straße H in Olgiata von Fernsehteams aus aller Welt belagert. Schwere Betonklötze hindern Autos am Einbiegen. In den Pinienwäldern lauern Scharfschützen, nervöse Carabinieri kontrollieren jeden, der sich nähert. Unterhändler aus islamischen und westlichen Ländern gehen bei ihm ein und aus - der ehemalige Monarch gilt als Integrationsfigur Afghanistans. In Italien steht Zahir Schah auf der Liste der gefährdeten Personen ganz vorne, für die Nachbarn des Exmonarchen in Olgiata ein Albtraum. "Ich bin hierher gezogen, weil das der ruhigste und abgeschiedenste Ort der ganzen Stadt schien", seufzt eine Ärztin. "Und jetzt sehen Sie sich das an!"

Hoffen auf Rückkehr

"Was mich besorgt, ist nicht der Großaufmarsch der Polizei, sondern die Tatsache, dass meine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Attentatsziels liegt", klagt ein Richter. Der Geschäftsmann Franco R. spricht aus, was hier alle hoffen: "Nach dem Sieg der Opposition und der Amerikaner wird der König in sein Land zurückkehren. Dann wird hier wieder Ruhe einkehren." (DER STANDARD, Print, 19.11.2001)

STANDARD-Mitarbeiter Gerhard Mumelter aus Rom
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