Eine Feierstunde der tönenden Vielfalt

13. November 2001, 20:35
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Das Ensemble XX. Jahrhundert feiert im Odeon 30. Geburtstag

Wien - Alte Kunst kann nicht altern. Andererseits ist nichts dem "Ergrauen" so ausgesetzt wie die Moderne, auch wenn sie mit Mode nichts gemein hat. Die Behauptung, den aktuellen Stand (etwa der Klangdinge) zu repräsentieren, findet sich immer bedroht durch den Prozess des Alterns. Das Neue bekommt schnell Falten; Innovation wird flugs Tradition.

Das betrifft vor allem Stile und Werke. Ein Ensemble für Neue Musik wie das Ensemble XX. Jahrhundert betrifft es natürlich auch. Seine Position ist jedoch insofern leichter, als es seine Selbsterneuerung durch Aktualisierung des Repertoires einleiten kann. Und wenn dies bei einem Festkonzert passiert, will man dem durchaus programmatische Dimension zusprechen.

Im Odeon hört man also, was man weiß, dass nämlich die Szene von einer Vielzahl an Stiläußerungen geprägt ist. Es herrscht neue Unübersichtlichkeit - hervorgerufen durch individuelle ästhetische Äußerungen. Es existiert auch ein neuer Interpretentypus; er fühlt sich sowohl in der komponierten Moderne wie auch im Bereich der Improvisation heimisch. Zur Vielfalt: Da wäre Dror Feilers mit bissigen Patterns arbeitendes, minimalistisch angehauchtes Stück Sham Mayim. Da wären Ausschnitte aus Marc Anthony Turnages Blood on the Floor, einem Jazz-Klassik-Projekt, das Improvisatoren einem klassischen Ensemble gegenüberstellt.

Da wäre auch Salvatore Sciarrinos raffinierte Introduzione all'oscuro, eine trotz Sanftheit von Ensemble und Dirigent Peter Burwik unter Spannung gehaltene Verschmelzung kleinster musikgestischer Äußerungen. Vor allem aber waren da die Uraufführungen von Franz Koglmanns Tableau I und II aus dem gerade entstehenden Musiktheater Das wüste Land.

Koglmanns (zusammen mit seinem exzellenten Monoblue-Quartet) Zuneigung zur Zweiten Wiener Schule und zum Jazz greift hier auch auf die Mittel der Elektronik über (Martin Siewert). Doch kein Krampf. Koglmann ist hier ein Meister der Ambivalenz. Filigrane Melancholie, die lacht. Durch Wehmut gefärbte Idyllen. Vielleicht doch eine Art Dritte Wiener Schule. Sicher aber ist Burwiks "Gruppe" mit dieser Art von Repertoire auch ein Ensemble des 21. Jahrhunderts. Herzlichen Glückwunsch!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 11. 2001)

 Von
 Ljubisa
 Tosic


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