"Wesentliche Probleme sind ungelöst"

13. November 2001, 11:15
posten

Im Jahr 2020 werden zehn Prozent der Bevölkerung erkrankt sein

Graz - Das neue "Institut für Medizinische Systemtechnik und Gesundheitsmanagement" unter der Leitung des Diabetologen Thomas Pieber soll sich zu einem Zentrum praktisch bezogener Forschung entwickeln.

STANDARD: Schätzungen zufolge werden im Jahr 2020 zehn Prozent der Bevölkerung an Diabetes erkrankt sein. Wird die Forschung dem steigenden Bedarf an Patientenbetreuung und Wissen gerecht?

Sawicki: Überhaupt nicht. Das Zentrum, das jetzt in Graz eingerichtet wurde, ist europaweit einzigartig. Die wenigsten Wissenschafter kümmert die Situation der Patienten hier und heute. Nur fünf Prozent der internationalen Publikationen im Bereich der Diabetologie sind von praktischer Bedeutung. Die meisten Forscher beschäftigen sich mit Ratten-oder Zellforschung oder anderen abstrakten Konstrukten.

STANDARD: Woran liegt dieses Ungleichgewicht?

Sawicki: Ich denke: am traditionellen, auf pathophysiologischen Konzepten basierenden, therapeutischen und diagnostischen ärztlichen Vorgehen. (Anm.: Pathophysiologie ist die Lehre vom Entstehen der Krankheiten.)

Leider hat sich diese Vorgehensweise als falsch herausgestellt. Das so genannte evidenzbasierte Vorgehen dagegen benötigt keine pathophysiologischen Konstrukte, sondern stützt sich auf einen patientenorientierten Vergleich zwischen verschiedenen Therapiemöglichkeiten.

STANDARD: Hat es für Diabetespatienten in den letzten Jahren überhaupt Fortschritte gegeben?

Sawicki: Wesentliche Probleme sind ungelöst. 95 Prozent der Patienten, die an Typ-II-Diabetes, dem so genannten Altersdiabetes, erkrankt sind, haben ein extrem hohes Risiko, einen Schlaganfall, Herzinfarkt oder Durchblutungsstörungen zu bekommen. Es ist bisher leider nicht gelungen, diese Risken wirksam zu bekämpfen.

Studien belegen, dass sie nicht nur mit dem Blutzucker zu tun haben, sondern durch andere, beeinflussbare Risikofaktoren wie erhöhten Blutdruck ausgelöst werden können. Die bisher größten Fortschritte sind neben der Entdeckung des Insulins die Blutzuckerselbstprüfung und die Schulungsprogramme, bei denen die Patienten lernen, sich selbst zu behandeln.

STANDARD: Ein Großteil der medizinischen Forschung wird von der Pharmaindustrie bezahlt. Ist das ein Problem?

Sawicki: Ja, das ist eine Katastrophe. Dadurch wird sehr viel Forschung gar nicht gemacht oder im Sinne des Auftraggebers beeinflusst. Die Pharmaindustrie ist an Produkten, nicht aber an den Strukturen interessiert. Es wäre Sache des Gesundheitsministeriums und der Krankenkassen, unabhängige patientenrelevante Forschung zu bezahlen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11. 11. 2001)

Die Forschungsgesellschaft Joanneum Research eröffnet am 13. November, dem Vorabend zum Weltdiabetestag, in Graz ein Zentrum für Diabetesforschung. Standard-Mitarbeiterin Elisabeth Welzig sprach mit dem Eröffnungsredner Peter Sawicki, Internist in Köln.
Share if you care.