Gericht: Mama schützt Sohn vor Göre

9. November 2001, 21:56
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Robert hatte eine (ansatzweise) intime Freundin - Seine Mutter war darob nicht erbaut

Robert ist Hildes einziger Sohn. Sie würde ihm gerne die Brillen putzen, aber das geht jetzt nicht. Sie befinden sich im Gerichtssaal. Außerdem wird Robert bald 26 und nennt sich demnächst Herr Magister. Zumindest die Mama wird ihn so nennen.

Sybille hätte die beiden beinahe auseinander gebracht. Sie ist 22, hat blondes Haar, sinnliche Lippen, sündige Augen und trägt - Roberts Mama zum Fleiß - einen kurzen Rock und eine enge Bluse, die oben auch noch geöffnet ist. - Gift für den Sohn. "Sie will ihn wieder bezirzen", verrät Mama Hilde der Richterin.

"Betthupferl"

Es war Roberts erste (ansatzweise) intime Freundin, und wahrscheinlich die letzte, solange es Mama Hilde gibt. "Wissen Sie, wie er unter der Göre gelitten hat?", fragt sie die Richterin: "Die verkehrt in ganz anderen Kreisen. Die ist ein richtiges Betthupferl." - Sie arbeitete als Kellnerin in einer Szenebar. Dort war ihr Robert in einem unachtsamen Moment (der Mama) in die Arme gefallen.

"Ich hab' ihn irgendwie süß g'funden", erzählt Sybille. "Allein hätt' ich ihn g'nommen. Aber nicht mit der Mutter!" Nach einmal misslungenem Sex und zweimal gelungenem Sonntagskaffee bei der Mama trennte sie sich von Robert, ohne dass er es merkte. Nach Dienstschluss ging sie mit anderen aus. "Meinen Sohn hat sie sich an der Stange gehalten", zürnt die Mutter. "Dieses Martyrium musste beendet werden!"

Anonyme Briefe

Im Lokal langten drei anonyme Briefe an Kellnerin Sybille ein: Wenn dir dein Leben lieb ist, lass den Jungen frei! - Kein Kontakt mehr zu Robert, sonst explodiert eine Bombe! - Wir schicken dir einen Killer, wenn du Robert noch einmal triffst!

"Ziemlich derb", schimpft die Richterin. "Aber geh, das liest man in jedem Krimi", verteidigt sich die Beschuldigte. Sybille wusste nichts Besseres, als die Briefe Robert zu zeigen. Der erkannte die Handschrift der Mutter. "Mir ist das alles sehr peinlich", gesteht er dem Gericht. "Ich hab' eh keine Angst g'habt", tröstet Sybille. Dafür verdankt ihr Mama Hilde den Freispruch vom Vorwurf der gefährlichen Drohung. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 10.11. 2001)

Von Daniel Glattauer
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