Sterbender gab Hinweis auf einen möglichen zweiten Milzbrandbrief

9. November 2001, 20:05
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Warnung vor neuen Anschlägen

Washington - Die Hilferufe eines sterbenden Postmitarbeiters haben die Ermittler auf die Spur eines möglichen zweiten Milzbrandbriefs geführt. Thomas Morris hatte wenige Stunden vor seinem Tod im vergangenen Monat mit der Rettungsstelle telefoniert und gesagt, er glaube, mit Anthrax infiziert zu sein. Morris war einer von zwei Postmitarbeitern, die in Washington an Lungenmilzbrand starben. Bisher waren die Ermittler von nur einem verseuchten Brief ausgegangen.

Morris gab in diesem Telefonat an, einer seiner Kollegen habe einen Brief mit verdächtigem Pulver gefunden. "Ich konnte nicht herausfinden, ob es Anthrax war oder nicht", sagte Morris. "Sie sagten mir, das sei nicht der Fall, aber ich glaube diesen Leuten nicht."

Nach wie vor ist ungeklärt, wer hinter diesen Anschlägen steckt, die bisherigen Ermittlungen weisen immer mehr auf einen oder mehrere Täter in US-amerikanischen Rechts-extremistenkreisen hin.

Die Gesundheitsbehörden in den USA haben alle US-Bürger zu weiterer Wachsamkeit vor möglichen weiteren Milzbrandanschlägen aufgerufen. Die Gefahr sei erst dann vorüber, wenn die Urheber der Anschläge gefasst seien, sagte die stellvertretende Chefin der Zentren für Seuchenkontrolle und Prävention, Julie Gerberding.

Seit mehr als einer Woche sind in den USA keine neuen Fälle von Milzbrand mehr bekannt geworden. Vier Menschen waren in den USA nach dem Kontakt mit Milzbranderregern gestorben, 13 weitere erkrankten.

Allgemein aber scheint sich in den USA die Angst vor An-thrax in Grenzen zu halten. Einer neuen Umfrage zufolge befürchten nur 14 Prozent der US-Bürger, sich innerhalb der nächsten zwölf Monate mit dem Milzbranderreger zu infizieren. Dagegen äußerten 73 Prozent Bedenken wegen einer möglichen Grippe-Infektion. 41 Prozent nannten einen Autounfall als wahrscheinlichste Beeinträchtigung ihrer körperlichen Unversehrtheit.

Bedrohte Kliniken

Unterdessen treffen gleich bergeweise Päckchen mit wei-ßem Pulver quer durch das Land an Orten ein, wo man seit Jahren schon mit Anthrax-Drohungen leben muss: In Abtreibungskliniken und bei Organisationen, die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzen. Allein am Donnerstag erhielt die Organisation "Planned Parenthood Federation" 132 derartige Sendungen, die als eilig gekennzeichnet waren und oft Bekennerbriefe enthielten: "Wir werden alle von euch töten. Army of God." Diese Gottesstreiter sind militante Abtreibungsgegner, die im Verdacht etlicher Morde an Ärzten und Bombenanschlägen auf Kliniken stehen.

Die Aufregung unter den Postempfängern hält sich trotzdem in Grenzen: Sie bekommen seit Jahren angebliches Anthrax zugeschickt und öffnen Post nur unter Vorsichtsmaßnahmen. Allerdings waren pro "normalem" Jahr nur zehn bis dreißig Sendungen unterwegs, erst seit Mitte Oktober haben sich die Zahlen stark erhöht. Die bisher analysierten Pulver enthielten kein Anthrax. (AP, jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe 10./11.11.2001)

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