Die Flöte des Deutschtums

16. November 2001, 14:39
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9. November 2001

Die Flöte, so glaubten wir aus Kinderzeiten zu wissen, ist das Instrument des Rattenfängers. Und nun fließt uns direkt aus dem von Jörg Haider gelegentlich benutzten Kulturbeutel die Erkenntnis zu, wofür dieses Instrument wirklich steht. "Zur Zeit" mag da einer bescheidenen Flöte gleichen, formulierte dieser Tage Andreas Mölzer in einem rührselig-weinerlichen Brief - aus Anlass des vierjährigen Bestehens seines Wochenblättchens und auf Jagd nach Spenden und Lesern. Vier Jahre haben wir es geschafft, mit Ihrer Hilfe allen Anfeindungen, allen Diffamierungen, allen Klagen zu widerstehen, jammert der Chef des einzigen Mediums, das die deutsche Identität Österreichs als historisches Erbe und als kulturellen Auftrag versteht, eher undeutsch.

Schließlich wurde "Zur Zeit" im Blattsalat wiederholt gewürdigt, was vom Herausgeber gelegentlich als Förderung missdeutet wurde, und die derzeitige Regierung hat ihn in seiner Germanomanie durch eine nicht zu knappe Presseförderung bestärkt: Auch wenn politische Parteien aus allzu opportunistischen Gründen die deutsche Volks-und Kulturgemeinschaft vergessen wollen, wir pflegen sie - in unserer politischen Berichterstattung und in unserem Kulturteil. Hojotoho!

Und was hat das Blatt in diesen vier Jahren noch erreicht? Zur Zeit sind wir DAS EINZIGE PRINTMEDIUM, das den Freiheitlichen in positiv kritischer Distanz gegenübersteht, sie nicht verteufelt, ihnen aber immer wieder ins politisch ideologische Gewissen redet. Gerade als "Krone"-Kolumnist sollte Mölzer wissen, dass es noch ein zweites Printmedium mit diesem Anliegen gibt, auch wenn nicht einmal der große Hundestreichler bisher imstande war, so etwas wie ein politisch ideologisches Gewissen der Freiheitlichen aufzuspüren.

DER VOLKSTRIBUN AUS DEM BÄRENTAL hat unsere Unterstützung und unseren Respekt. Überraschender als diese Mitteilung nur noch die an old Siegfried erinnernde Kühnheit: Wir schrecken aber nicht davor zurück, stets an das, wofür er und seine politischen Freunde vor gut fünfzehn Jahren angetreten sind, immer wieder zu erinnern.

Jörg Haider würde sich glatt fürchten, wenn er nur wüsste, wofür er damals angetreten ist. Etwa für den Stil, antisemitische Ressentiments gleichzeitig einzusetzen und entrüstet zu leugnen? Die Hetze aus linken Kreisen gegen "Zur Zeit" geht weiter, heißt es auf einem Mölzers Bettelbrief beiliegenden Blatt. In einer parlamentarischen Anfrage wird versucht, unser Blatt, seine Linie und seine Autoren samt und sonders als Wüste von Rechtsextremisten und Antisemiten darzustellen, beklagt der freiheitlichen G'wissenswurm. Aber er vergisst nicht, einen Autor, der sein Blatt geklagt hat, für seine rechte Jagdgesellschaft ständig als jüdischen Journalisten zu markieren.

Auch nach vier Jahren: "Zur Zeit" widersteht dem linken Tugendterror und hat sich für diesen Zweck als eine Art Chefideologen den ao. Universitätsprofessor für Neuere Geschichte an der Universität Wien, Lothar Höbelt, angelacht, der, wie berichtet, auch den Festvortrag zum Vierjahresjubiläum halten soll. Und was Mölzer in der "Krone" für das einfache tierliebende Volk, soll Höbelt in der "Presse" für das akademische Publikum sein. Dort mühte er sich Dienstag ab, Westenthalers Fingerprint-Wahn als Vollendung der menschlichen Freiheit zu feiern, was nicht ohne tolle Kapriolen abging, indem er Stalins und Hitlers Diktaturen in ihrer Gefährlichkeit für die Freiheit mit dem demokratischen Wohlfahrtsstaat gleichsetzte:

Als der große Gegner der Freiheit hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts der Staat erwiesen, brutal und offen in der Form des "stato totalitario", den Mussolini auf seine Fahnen schrieb und den Stalin und Hitler mit ihren unterschiedlichen Versionen von nationalem Sozialismus perfektionierten, schleichend und homöopathisch in der Form des Wohlfahrtsstaates, der - beseelt, wie immer, von den besten Absichten - vom Ladenschluß bis zur Anredeformel seine schwer erziehbaren Bürger auf den rechten Weg zu bringen bemüht ist.

Da ja Mussolini, Stalin und Hitler stets vorgaben, beseelt, wie immer, von den besten Absichten zu sein, und viele, auch im Umfeld von "Zur Zeit" das noch heute glauben, wird sich niemand wundern, wenn Höbelt, nachdem er am Anfang seines Artikels den Wohlfahrtsstaat als großen Gegner der Freiheit entlarvt hatte, am Ende die Aufrechterhaltung des Gewaltmonopols des Staates predigt, weil er die Freiheit nur dann bedroht sieht, wenn dieses Gewaltmonopol nicht von freiheitlichen Zwangsvorstellungen beseelt, wie immer, ist. Noch ein Flötist!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.11.2001)

Von Günter Traxler
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