Experten erwarten weitere Zinssenkungen

7. November 2001, 15:55
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US-Notenbankchef Greenspan sieht weitere Abschwächung der US-Wirtschaft - Druck auf EZB steigt

Wien - Heimische Experten gehen auch nach der bereits zehnten US-Leitzinssenkung in diesem Jahr davon aus, dass die US-Notenbank Fed ihren Zinssenkungszyklus noch nicht beendet hat. Auch von der EZB-Sitzung am Donnerstag wird eine Zinssenkung erwartet. Da die Fed eine weitere Abschwächung der Wirtschaft sieht und die Wirtschaftsdaten bis dahin schwach bleiben werden, sei bei der nächsten Fed-Sitzung am 11. Dezember von einer weiteren Lockerung der Geldpolitik auszugehen, ist Erste-Bank-Experte Rainer Singer überzeugt. Für den Experten der Raiffeisen Zentralbank (RZB), Valentin Hofstätter, bringt eine zusätzliche US-Zinssenkung zwar kaum mehr reale wirtschaftliche Effekte, könnte aber notwendig sein, um die Märkte zu beruhigen. Die rückläufigen Inflationsraten seien ebenfalls kein Hindernisgrund.

EZB-Zinsschritt erwartet

Von der Europäischen Zentralbank (EZB), die am Donnerstag zu Zinsberatungen zusammentritt, erwartet die RZB auf jeden Fall eine Leitzinssenkung. Die Frage sei nur noch, ob um 25 oder 50 Basispunkte. Laut RZB-Volkswirtschaftsexpertin Lydia Kranner würden 25 Basispunkte eher der von Vorsicht geprägten Philosophie der EZB entsprechen. 50 Basispunkte kämen dagegen eher dem schwachen wirtschaftlichen Umfeld entgegen.

Zehnte Zinssenkung in den USA

Bei ihrer zehnten Zinssenkung in diesem Jahr hat die US-Notenbank am Dienstag Abend den Leitzins um 50 Basispunkte auf 2,0 Prozent gesenkt. Die Fed Funds Rate liegt damit auf dem tiefsten Stand seit 1962. Um die US-Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, wurde in diesem Jahr der Leitzins bereits zehn Mal um insgesamt 450 Basispunkte gesenkt. Der EZB-Referenzsatz liegt dagegen nach der erst dritten Senkung in diesem Jahr bei immerhin 3,75 Prozent und damit lediglich um 100 Basispunkte unter dem Niveau von Jahresbeginn.

Bullenfalle

RZB-Experte Hofstätter befürchtet zudem, dass sich der jüngste Aufschwung am nordamerikanischen Aktienmarkt als "Bullenfalle" erweisen wird und rechnet noch für heuer mit neuerlichen Rückschlägen. Das Umfeld für den US-Aktienmarkt habe sich durch die jüngste Zinssenkung keineswegs geändert. Die durch Zinssenkungen bereit gestellte Liquidität habe zwar zu einem "regelrechten Ansturm" auf Aktien geführt, das steigende Marktniveau verbunden mit weiterhin drastisch nach unten korrigierten Gewinnschätzungen führe aber immer mehr zu einer Überbewertung der Märkte. "Und die Welle der Gewinnwarnungen - siehe jüngste Warnung von Qualcomm - ist bei weitem noch nicht beendet", so Hofstätter.

Für den Erste-Bank-Experten Singer war das Ausmaß der Zinssenkung "doch etwas überraschend", da die Fed sich damit zunehmend ihres Handlungsspielraums beraube. Es stelle sich die Frage, was Zinssenkungen im derzeitigen wirtschaftlichen Umfeld noch bewirken können. Erhole sich die Wirtschaft nicht bald, würde eine der wesentlichsten Komponenten der Geldpolitik, nämlich der Glaube an ihre Wirkung, verloren gehen, befürchtet Singer. Überlegungen, etwas "Zins-Pulver" trocken zu halten, spielen für die US-Währungshüter keine besondere Rolle, schließt Singer aus den bisherigen Maßnahmen der Fed und Äußerungen von FOMC-Mitgliedern. (APA)

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