AMS-Chef Böhm: "Es heißt die und nicht der EDV"

6. November 2001, 12:16
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Im Mittelpunkt der Qualifizierungsoffensive des AMS stehen Frauen

Obwohl der IT-Sektor als Männerdomäne gilt, haben Frauen hier sehr gute Chancen, da die Branche derzeit intensiv nach gut ausgebildetem Personal sucht. Dem Fachkräftemangel steuert das Arbeitsmarktservice nun mit einer Qualifizierungsoffensive entgegen. In deren Mittelpunkt: Frauen.

Wien - "Nichts ist so hartnäckig wie ein Vorurteil", sagt Herbert Böhm, Vorstand des Arbeitsmarktservices Österreich (AMS), und will dies vor allem beim Thema Informationstechnologie und Frauen verstärkt ausräumen. So sollen im nächsten Jahr rund 6000 Jobsuchende eine hochwertige Qualifizierung in diesem Bereich erhalten, rund die Hälfte der SchulungsteilnehmerInnen werden Frauen sein. Böhm: "Die Chancen für qualifizierte Frauen stehen in der IT-Branche sehr gut, da hier eine Beschäftigungsexpansion zu erwarten ist und der Sektor qualifiziertes Personal sucht." Schmunzelnder Nachsatz: "Schließlich heißt es die und nicht der EDV.

Ausgeprägte Soft Skills

Böhm und sein AMS-BeraterInnenteam können sich dabei auf entsprechende Erfahrungswerte stützten. So zeigen namhafte Unternehmen wie Siemens, der Technologiekonzern ABB oder Ericson-Schrack hohes Interesse an Frauen, die entsprechende Kursmaßnahmen des AMS besucht haben. Neben der guten Ausbildung schätzen die Unternehmen dabei in hohem Maße die bei Frauen oft stark ausgeprägten Soft Skills wie Teamfähigkeit, soziale und kommunikative Kompetenz, die auch in vielen technischen Berufen wie zum Beispiel im EDV-Support Voraussetzung sind.

Chancen in Boombranchen

Freilich ist immer noch zu beobachten, dass der Frauenanteil in den Bereichen größer ist, wo der kreative Teil der Arbeit überwiegt. Je höher die technischen Anforderungen im Job werden, desto weniger verspüren offenbar beide Seiten Lust, sich zu finden - so gibt es relativ wenig Netzwerktechnikerinnen.

Dem AMS geht es jedenfalls darum, generell der Tendenz entgegenzuwirken, dass Mädchen und Frauen immer noch lediglich vorrangig Berufe wie Verkäuferin, Sekretärin oder Friseurin fokussieren.

Die Hälfte aller weiblichen Lehrlinge konzentriert sich bei ihrer Berufswahl nämlich auf diese drei Lehrberufe und orientiert sich damit nach wie vor sehr stark an traditionellen Berufsbildern. "Das eingeschränkte Berufsspektrum führt jedoch zu einem höheren Arbeitslosenrisiko und verschlechtert die Chancen der Frauen am Arbeitsmarkt und beim Wiedereinstieg nach einer Babypause", warnt Böhm.

Jobs mit Zukunft seien vielmehr in boomenden Branchen, wie etwa im IT-Bereich, zu finden. Entscheidend sei die richtige Berufswahl und eine gute Ausbildung. Das AMS will dabei mit seiner gezielten Berufsinformation im Internet (www.beruf4U.at) oder in den über fünfzig Berufsinfozentren einen Überblick geben und über Berufsorientierungsmaßnahmen wie "come2technology" (ABZ Wien) oder "girls go technics" (AMS Jugendliche) Arbeitnehmerinnen den Einstieg erleichtern.

Das AMS sieht aber generell die Förderung von am Arbeitsmarkt benachteiligten Personengruppen, zu denen Frauen leider zum Teil immer noch zählen, als zentrales Anliegen. Laut Prognosen der WirtschaftsforscherInnen wird der Druck am Arbeitsmarkt 2002 nämlich noch weiter zunehmen, womit auch das Risiko einer dauerhaften Ausgrenzung von am Arbeitsmarkt benachteiligten Personen steigt. Insbesondere gering qualifizierte Frauen sind von einem erhöhten Arbeitslosenrisiko und starkem Verdrängungsdruck betroffen.

16.700 Frauen (insgesamt 32.000) waren im ersten Halbjahr 2001 beim AMS in den verschiedensten Schulungen. "Und berufsspezifische Weiterbildungsmaßnahmen zur Erhöhung der Jobchancen für Frauen bleiben auch im nächsten Jahr ein zentraler Schwerpunkt unserer Arbeit", so Böhm dezidiert. Ergänzend dazu wird Frauen, die wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen wollen, auch finanzielle Unterstützung bei der Kinderbetreuung geboten.

Win-Win-Situationen

Durch die verstärkte Information und Unterstützung speziell von Frauen bei der Qualifizierung arbeite man, so der AMS-Vorstand, in einer Win-Win-Situation dem Fachkräftemangel entgegen. Dieser werde sich nämlich nicht zuletzt durch die demographischen und technologischen Herausforderungen in den nächsten Jahren noch verschärfen.

Diese Entwicklung vor Augen, wurden heuer im Bereich IT-Anwendungsschulungen rund 24.000 Personen (2000: 18.000) ausgebildet und im Vorjahr insgesamt 3800 Menschen über spezielle Kurse zu IT-Fachkräften. Im laufenden Jahr werden zusätzlich rund 5000 Personen zu IT-Fachkräften höher qualifiziert.

Gründerprogramm

Gleichzeitig ist aber auch die Unterstützung Arbeitsloser auf dem Weg in die Selbstständigkeit ein wesentliches Anliegen des Arbeitsmarktservices. Allein 2000 wurden 2400 neue Unternehmen durch ein spezielles AMS-Gründerprogramm in die Selbstständigkeit geführt. Die Zahl der Unternehmensstarts durch Jobsuchende konnte gegenüber dem Vorjahr um 72 Prozent erhöht werden, und die Zahl der von Frauen gegründeten Firmen wurde sogar verdoppelt.

Im Zuge der Gründungsoffensive wird Arbeitslosen mit einer konkreten Idee und genügend Berufserfahrung vom AMS dabei einE UnternehmensberaterIn zur Seite gestellt. DiesEr nimmt das Projekt in der Folge genau unter die Lupe, worauf - auf eine realistische Gründungsidee - ein halbes Jahr lang konkrete Unterstützung bei der Betriebsgründung folgt. Während dieser Zeit erhalten die potenziellen JungunternehmerInnen das Arbeitslosengeld oder die Notstandshilfe vom AMS noch weiter ausbezahlt. Auf diese Weise wurden rund 50 Prozent der Firmen im Dienstleistungsbereich gegründet, knapp 14 Prozent machten sich im verarbeitenden Gewerbe oder Handwerk und zwölf Prozent im Handel selbstständig.

(Monika Bachhofer)

Die 2-teilige Serie entsteht mit finanzieller Unterstützung durch AMS Österreich Internet: www.ams.at
Redaktion: Ernst Brandstetter

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.11. 2001)

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