Der Fahrgast als "störendes Element"

4. November 2001, 18:29
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Tiroler AK: Unattraktives und reduziertes Öffi-Angebot - aber vierte Preiserhöhung

Innsbruck - Innerhalb von zehn Jahren schrumpfte in Tirol die von Nahverkehrsbussen befahrene Strecke von 5000 auf 3971 Kilometer (ein Minus von 20,6 Prozent), statt 177 Linien gibt es nur noch 162 (8,5 Prozent Minus). Eine Studie über den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Tirol im Auftrag der AK kommt zu wenig schmeichelhaften Ergebnissen. Während zwischen 1991 und 2000 die Zahl der Einwohner um 6,5 Prozent stieg, blieb das Wachstum der ÖPNV-Fahrgäste mit einem Zuwachs von nur 2,9 Prozent zurück.

Die genaue Auswertung der Volkszählung 2001 liegt noch nicht vor, aber es ist davon auszugehen, dass die Zahl der Pendler gegenüber 1991 deutlich zugenommen hat. So hat Innsbruck einige Tausend Einwohner an Umlandgemeinden "verloren", aber kaum Arbeitsplätze. Studienautor Bernhard Gstrein hat unter anderem landesweit 137 Betriebsratsvorsitzende interviewt. In diesen Betrieben mit hohem Pendleranteil klagen die Betroffenen über Fahrplanprobleme und schlechte Verbindungen.

Schülerbedürfnisse

Ein Hauptkritikpunkt: Fahrpläne seien häufig auf die Bedürfnisse von Schülern zugeschnitten, weshalb Pendler lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssten und tendenziell auf die Nutzung des privaten Pkw abgedrängt würden. Zahlreiche Kritik gibt es auch wegen des häufig veralteten und/oder verschmutzten Bus- und Wagenmaterials.

Neben der Einstellung von Linien seien Pendler oft von ausgedünnten Fahrplänen betroffen, erklärt Gstrein. Ein Beispiel ist die Zugverbindung zwischen Wörgl und St. Johann, bei der das Angebot seit 1991 um fast ein Drittel reduziert wurde.

Auf ein teures Kuriosum weist AK-Präsident Fritz Dinkhauser hin: Für die Ski-WM in St. Anton im heurigen Winter wurden auch die Bahnhöfe von Schnann und Pettneu mit Millionenaufwand neu errichtet. Im ÖBB-Fahrplan scheinen diese Orte seit dem Abschluss der WM aber nicht mehr auf. Im gesamten Stanzertal zwischen Landeck und St. Anton ist für Regionalzüge kein Halt mehr vorgesehen.

Martin Stubenböck von der Umwelt- und Verkehrspolitischen Abteilung der AK Tirol kritisiert, dass der Verkehrsverbund Tirol (VVT) gerade die vierte Preiserhöhung seit Juni 2000 durchführe, teilweise seien die Preise um bis zu 70 Prozent gestiegen. Stubenböck: Im Gegensatz zum Vorarlberger Modell reduziere sich der VVT auf die betriebswirtschaftliche Komponente, der Fahrgast werde dabei zum "störenden Element".(DER STANDARD, Print- Ausgabe, 5.11.2001)

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