Der kritische Prinz sieht sich verfolgt

4. November 2001, 19:34
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Cousin von Marokkos König klagt

Rabat/Madrid - Moulay Hicham, Cousin des marokkanischen Königs Mohammed VI., ist sauer, stinksauer: "Ich bin es leid, abgehört und verfolgt zu werden", wettert die Nummer zwei in der Thronfolge in den jüngsten Ausgaben der Wochenzeitungen Demain, Le Journal und As Sahifa. Der "rote Prinz", wie der ehemalige UN-Mitarbeiter im Kosovo von seinen Landsleuten wegen seiner sozialen und demokratischen Überzeugungen genannt wird, hat seit Monaten Palastverbot. Moulay Hicham fühlt sich an den Rand gedrängt, die Seinen werden bedroht: "Meine Frau bekommt täglich Dutzende von anonymen Anrufen, in denen sie beleidigt wird. Das kann so nicht weitergehen."

Misslungener Scherz

Warum Moulay Hicham gerade jetzt an die Öffentlichkeit geht, hat seine Erklärung: Er fühlt sich zu alledem auch noch von der Polizei verfolgt. Der Grund dafür ist ein schlechter Scherz, den sich einer seiner besten Freunde, Hicham Qadiri, erlaubte. Qadiri ist einer der so genannten Trittbrettfahrer: Er schickte einem gemeinsamen Bekannten einen Brief mit weißem Pulver. Ein Begleitschreiben, das zum Heiligen Krieg rief, lies die Sendung gefährlich genug wirken. Die Polizei schritt ein.

Einmal geschnappt, wurde Qadiri stundenlang unter Druck gesetzt: "Sag, dass es die Idee von Moulay Hicham war!", setzten die Beamten Qadiri zu. Andere Freunde des ranghohen Cousins wurden vorgeladen und zu dessen vermeintlichen "Verbindungen zu subversiven Kreisen" befragt.

"General Laanigri steckt hinter all dem", ist sich Moulay Hicham sicher. Laanigri ist der wichtigste Militär des Königreiches und ein enger Vertrauter von Mohammed VI. Mit der Kampagne solle er zum Schweigen gezwungen werden. Der "rote Prinz" gibt nicht nur der kritischen Presse im eigenen Land bereitwillig Interviews, er veröffentlicht auch in Frankreich. Das Thema ist immer das gleiche: Der fehlende Reformwille seines Cousins und Königs. Hicham spricht von "der Grippe des Übergangs zur Demokratie". Der junge Monarch sei auf dem besten Wege, "ein aufgeklärter Despot" zu werden.

Schlechte Erinnerungen

Das Vorgehen der Geheimdienste erinnert Moulay Hicham an die schlimmsten Jahre der Diktatur seines Onkels, des Vaters von Mohammed VI., Hassan II. Bereits unter dessen Herrschaft hatte Moulay Hicham Schwierigkeiten mit dem Königshaus. Hassan II. schickte ihm 1995 die Steuerfahndung ins Haus und zog seine Leibwächter ab. "Es wäre riskant, die Krise, die wir durchleben, so weit kommen zu lassen, dass sie zum Verfall der Gesellschaft und ihrer Organisationen führt", hatte Moulay Hicham seinem königlichen Cousin im Juli zum zweiten Jahrestag der Thronbesteigung mit auf den Weg gegeben. Prophetische Worte - so scheint es. (DER STANDARD, Printausgabe 5.11.2001)

STANDARD-Korrespondent Reiner Wandler
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