Rückgriff auf die Zeit der Osmanen

2. November 2001, 19:30
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Die Türkei greift im Afghanistankrieg ein und verliert die Aussicht auf eine Vermittlerrolle in der Region

Ankara/Washington/Wien - Historiker fühlen sich an die Endzeit des Osmanischen Reichs erinnert: Die türkische Armee, die nach einer Entscheidung der Regierung in Ankara nun aufseiten der USA und Großbritanniens in den Afghanistanfeldzug eingreifen wird, hat schon einmal einen Vorstoß nach Zentralasien unternommen. Nach einem Debakel zu Beginn des Ersten Weltkriegs, das 80.000 türkischen Soldaten das Leben kostete, nahm General Enver Pascha im Februar 1922 Duschanbe und einen großen Teil Tadschikistans von den Russen ein. Dann aber überreizte der General, der von einem Reich aller turkstämmigen Volksgruppen träumte, seine Karten. Pascha kam noch im selben Jahr in einem Gefecht um, kurz vor der Ausrufung der neuen türkischen Republik. Afghanistans König Amanullah aber erkannte als Erster die Republik von Kemal Atatürk an. Es war der Anfang einer Freundschaft zwischen beiden Staaten, die bis zum sowjetischen Einmarsch 1979 dauerte.

Die türkische Intervention im Jahr 2001 fällt bescheidener aus: Zunächst etwa 90 Soldaten einer Spezialeinheit will die Türkei - der einzige muslimische Nato-Staat - der oppositionellen Nordallianz zu Hilfe schicken. Die Entscheidung dürfte schon während der ersten Rundreise von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gefallen sein. Nicht zufällig besuchte der Kommandeur einer türkischen "Peace keeping"-Einheit auch im Vormonat das US-Central Command in Tampa, Florida.


Hilfe für Dostum

Ankaras Mann in Afghanistan ist der Usbeken-General Abdul Rashid Dostum, die unberechenbarste Figur der Nordallianz. Damit beginnen aber auch die Schwierigkeiten der türkischen Intervention: Eingebunden in ein Interessengeflecht von militärischer Allianz mit Israel, Rivalität mit den EU-Staaten innerhalb der Nato, Kreditwünschen, schließlich der Furcht vor einer Ausweitung des Antiterrorfeldzugs auf den Irak, die den Kurden nutzen könnte, verliert Ankara nun die Aussicht auf eine Rolle als Vermittler in der Region - die Türkei brachte sich mehrfach als Führer einer muslimischen UN-Friedenstruppe für Afghanistan ins Gespräch. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4.11.2001)

Markus Bernath
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