Der Krieg und die Frauen - von Hilde Schmölzer

5. August 2002, 11:24
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Zur Rollenverteilung der Geschlechter im jüngsten Kampf der "Guten" gegen die "Bösen": Ein weiblicher Blick auf die Logik martialischer Konfliktbewältigung

Krieg ist Männersache, schrieb Daniel Glattauer unlängst in dieser Zeitung und beklagte in der nämlichen Kolumne, dass Frauen in der Öffentlichkeit "auffallend still" seien. Kann man uns aber dieses Schweigen tatsächlich zum Vorwurf machen?

Frauen schweigen, weil ihnen die jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit den Terroranschlägen in den USA zu absurd, zu verrückt, zu unlogisch erscheinen. Sie schweigen, weil sie an diesem Geschehen ohnedies nicht beteiligt werden, weil ihre Stimme ohnedies nicht gefragt ist. Ihre Rolle in Kriegszeiten beschränkt sich auf die unterstützende, helfende - und leidende.

Jeden Abend, wenn frau das Fernsehen aufdreht, wird sie neuerlich belehrt: Männer tüfteln an umfangreichen strategischen Plänen, Männer erläutern die von Männern erfundenen immer effizienter und zielsicherer werdenden Waffen, Männer schwören wutverzerrt Rache, und Männer morden.

Frauen hingegen raufen sich die Haare, sie ringen die Hände, wehklagen und schreien. An dieser Rollenverteilung ändern auch die wenigen Soldatinnen nichts (die ohnedies nichts zu bestimmen haben) oder die wenigen Frauen in Führungspositionen. Sie bilden immer noch eine Ausnahme von der Regel. Und ein System grundlegend verändern können sie auch nicht. Schließlich wurden sie von diesem System hervorgebracht und tragen es demnach mit.

Von einer tatsächlich verändernden Kraft durch Frauen kann erst dann gesprochen werden, wenn ihnen eine Machtfülle zukäme wie gegenwärtig den Männern. Und das weltweit! Denn dass sich Benachteiligte immer nach den Mächtigen richten, muss nicht erst die Psychologie erklären. Frauen sind Mittäterinnen. Aber das Gewaltpotenzial von Staaten, in denen Frauen einigermaßen Einfluss zukommt, ist ein geringeres.

Die Geschichte des Krieges ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Und schon an den frühesten Anfängen stand der Mann. Er hat die Waffen erfunden, in der Jagd fand er so etwas wie eine männliche Identität (Frauen waren mit ihren Kindern beschäftigt), er überfiel Nachbarstämme, um Nahrung zu erbeuten, aber auch Frauen zu rauben. Die ersten Sklaven waren Sklavinnen. Die ersten Heere etwa 3000 vor unserer Zeitrechnung wurden von Männern aufgestellt.

Die Beziehung des Mannes zur Waffe ist eine besondere. Die Rakete ist ein phallisches Symbol. Das Gewehr ist die "Braut" des Soldaten. Und als die erste Atombombe von Oppenheimer erfunden wurde, sprach man von "Oppenheimers Baby". Und zwar, so stellten die Wissenschafter bei den ersten erfolgreichen Tests erleichtert fest, sei "das Baby ein Junge und kein Mädchen - das heißt ein Blindgänger". Keiner Frau würde es je einfallen, eine Bombe, dieses furchtbare Vernichtungsinstrument, als ihr "Baby" zu bezeichnen. Das ist so absurd, wie Frauen die gesamte Kriegführung erscheinen muss. Es ist absurd, dass das auf unserem Globus gelagerte Rüstungspotenzial ausreichen würde, die Welt mehrfach in die Luft zu sprengen. Es ist ebenso absurd anzunehmen, dass sich der Terrorismus mit Bomben bekämpfen lässt.

Das martialische Imponiergehabe der USA mit ihren Truppenaufmärschen ist lächerlich. Wir alle wissen um unsere Verwundbarkeit und dass die besten Waffen der Welt gegen Terrorismus nichts ausrichten können. Aber offenbar müssen Systeme, in denen Männer das Sagen haben, Konflikte vornehmlich mit Waffen austragen. Auf der einen Seite steht der Technokrat, der mittels Knopfdruck ein "sauberes" Töten bewirkt, bei dem er selbst möglichst unbehelligt bleibt. Auf der anderen Seite der blindwütige Selbstmörder, der Tausende in den eigenen Tod mit hineinzieht. Gemordet wird von beiden.

Als die Amerikaner die Atombombe über Hiroshima gezündet hatten, feierten die Verantwortlichen im amerikanischen Kernforschungszentrum Los Alamos diesen "Erfolg" mit einer rauschenden Party. Als das World-Trade-Center zusammenbrauch und 5000 oder mehr Menschen unter sich begrub, wurden tanzende Palästinenser im Fernsehen gezeigt. Über die "Bösen" und die "Guten" sind sich beide einig. Der Djihad auf der einen Seite, Hand aufs Herz, Blick aufs Sternenbanner und Gott-auf-den-Lippen auf der anderen. Unsere Denksysteme sind so ausgerichtet, dass Alternativen lediglich unter ferner liefen aufscheinen. Wir haben diese furchtbaren Waffen, und wenn etwas in der Welt ist, wird es auch gebraucht. Auf andere Menschen zugehen, die Verständigung suchen ist offenbar der mühsamere Weg.

Gerade ich als Frau schätze die Vorteile der westlichen Kultur im Vergleich zur islamischen. Aber ich wehre mich gegen Überheblichkeiten und Arroganz. Es gibt schwächere und stärkere, reichere und ärmere Länder so wie es schwächere und stärkere, reichere und ärmere Menschen gibt. Die Stärkeren sind aufgefordert, den Schwächeren zu helfen, sie zu unterstützen. Nicht mit Care-Paketen, sondern mit Hilfe zur Selbsthilfe. Bomben schüren den Hass, und die Wut der gedemütigten Männer fällt wieder auf die noch Schwächeren, nämlich die Frauen. Das ist die Last, die Frauen zusätzlich in Kriegszeiten zu tragen haben.

Die Autorin publizierte u. a. das Buch "Der Krieg ist männlich. Ist der Friede weiblich?" (Wien 1996) und ist Mitglied des Frauenrates der Grünen für eine aktive Friedenspolitik. (DER STANDARD, Printausgabe 31.10.2001)

31.10.2001
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