Wer ist Heinz Emigholz?

30. Oktober 2001, 21:22
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Ilse Aichinger schreibt im 8. Teil ihres Viennale-Tagebuch über "Die Basis des Make-Up"

Wer ist Heinz Emigholz? Ein Experimentalfilmer, sagen diejenigen, die Filme von Spielberg bedeutend finden, verächtlich. Aber stärker ist er ein Augenmensch und Zuhörer, beides ist selten, weil es Geduld voraussetzt.

In Die Basis des Make-Up von Heinz Emigholz bemerkt ein Teppichhändler: "Was ist schon die Geduld, wenn sie platzt. Radikal wie die Provinz, umständlich wie eine Kommode. Wie der sanfte Flair einer stupiden Bemerkung." Die Szene endet mit Instrumentalmusik des Kulturhausorchesters Bukarest.

Und Frieda Grafe schreibt: "Emigholz übersetzt den Mallarmé-Text Der Dämon der Analogie in Bilder." - Was gibt es auch Textähnlicheres als einen Teppich - ihn fliegen zu lassen macht dem Kino wenig Mühe.

Auf einem Pariser Flohmarkt fand ich 1969 einmal einen Stapel alter Fotografien. Ich betrachtete sie im Großgmainer Haus unter dem grünen Waldrücken des Untersbergs an den langen Nachmittagen oft mit einer Lupe: Menschen, Hüte, Schuhformen, Dienstmädchenkostüme. Auch seltsam verblichene, künst-lich ferngerückte Landschaften.

Künstliche Natur

Heinz Emigholz schreibt: "Ich hatte in Hamburg auf der Straße einen Stapel amerikanischer Postkarten aus den 30er-Jahren gefunden. In Chicago hergestellt, produzierten sie grellfarbene Retuschen aus den USA. Es überzeugte mich die absolute Künstlichkeit der Landschaftsdarstellungen. Die Natürlichkeit wird in ein künstliches System überführt."

Hans Hurch bemerkte zu Emigholz 1990 in einem Interview: "Der Erzähler in Die Wiese der Sachen ist eine Stimme aus dem Jenseits. Ein abgesprungener Terrorist sitzt in einem Hotelzimmer in Vancouver und erfindet Märchen." Dazu Emigholz: "Im Grunde ist das eine Parodie. Der Erzähler ist tot, und man kann ja auch nur erzählen, wenn man tot ist."

Das Erzählen bewege sich vom Ende her und auf das Ende hin, hatte ich für mich früh einmal notiert: der Tod als Basis für jedes Erzählen, das sich, nach der Geschichte des Jahrhunderts, nicht so ungebrochen gibt. Eine ferne Kunde aus dem Leben.

Hans Hurch: "Sie nennen Kameraarbeit eine 'mit Hilfe der Dinge in die Welt gespielte Entscheidung des Blicks.' Gibt es auch eine Entscheidung der Erinnerung?"
Emigholz: "Statt Bildern der Vergangenheit sehen wir rasche Spuren von Abwesenheit. Die Erinnerung ist nur der Abdruck, den das Vergessen zurücklässt."

Fliegende Teppiche

Das sind Fragen, die frühe Fragen in mir aufrufen: Ist Erinnerung die Anwesenheit einer Vergangenheit in einer nicht vorstellbaren Zukunft? Ein fliegender Teppich?

Das bleibt eine Möglichkeit. Aber welche Teppiche sind es, die fliegen? Sicher nicht die schweren Läufer in teuren Sanatorien oder Hotelsuiten. Und war der für Sigmund Freud bei seiner Ankunft in Victoria Station ausgebreitete Teppich wirklich leicht bereit, sich dem Himmel über Großbritannien anzuvertrauen?

Vom Himmel über dem dritten Wiener Gemeindebezirk sind weniger konstante Regengüsse zu erwarten, andere Formen, auf sie einzugehen - und auch eine konträre Form der Anonymität. Wo einer gar nicht hineingerät, gerät er auch leicht wieder heraus. Zerfranste Teppiche sind weniger tragfähig, aber mit dem offenen Himmel vertrauter.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10./1.11.2001)

Mit dieser Folge endet Ilse Aichingers diesjähriges Viennale-Tagebuch.

Mitte November, nach einer Englandreise zu ihrem 80. Geburtstag am 1. November, wird sie das "Journal des Verschwindens" wieder fortführen.
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