Einzelne Ärgernisse, manch vergebene Chancen - doch Highlights bleiben im Gedächtnis

1. November 2001, 23:58
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Viennale-Resümee von Isabella Reicher

Im Rückwärtsgang durch das Festivalprogramm: Neben einzelnen Ärgernissen und manch vergebenen Chancen bleiben am Ende doch vor allem die Highlights im Langzeitgedächtnis.


Gute Auswahl ist die halbe Miete. Manchmal bedeutete der individuelle Parcours durchs heurige Viennale-Programm eine Kalt-warm-Erfahrung, wenn auf beglückende Kinogänge dann mit The Deep End ein glattes, papierenes, verzichtbares Familiendrama folgte.

Oder auf James Bennings ruhig-distanzierte Ortsvermessung Los ein Dokumentarfilm wie Missing Allen, in dem der allzu beschwörende Kommentar seltsam neben den Bildern liegen blieb, sich die versprochene Intensität angesichts der Suche nach einem verschwundenen Freund einfach nicht und nicht einstellen wollte.

Wer Jonas Mekas' Fünfstundenwerk As I Was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty zum persönlichen Viennale-Auftakt wählte, der hatte damit ohnehin bereits ein gutes Tagespensum an Sehen und Zuhören absolviert. Und gleich ausgiebigen Gesprächsstoff - über das Für und Wider dieses monumentalen Bilderreigens, der in seiner Konzentriertheit auf (groß-)familiäre Glücksmomente auch eigenartige Leerstellen produzierte. Anstelle der launig gehaltenen Nachbesprechung nach Filmende (zumal gegen Mitternacht gehend) hätte sich hier durchaus eine vertiefende Diskussion angeboten.

Auch andere Fragen müssen vorerst wohl unbeantwortet bleiben. Wieso zum Beispiel gelingt es gerade dem ostasiatischen Kino immer wieder, zeitgenössische Milieus und Figuren, die ansonsten schnell zum Klischee geraten, in einer Art zu entwerfen, die nichts Anbiederndes, Peinliches, Spekulatives hat? Oder anders herum: Was an diesen Filmen stellt beim fernen Betrachter diesen Eindruck her?

Der 54-jährige taiwanesische Regisseur Hou Hsiao-hsien jedenfalls lieferte mit Chie shi manpo/ Millennium Mambo zweifellos einen der schönsten Filme des diesjährigen Festivals. Ein Kinoereignis von jener Art wie im Vorjahr Wong Kar-wais In the Mood for Love: ein nachtdunkler Film, fast ausschließlich in Innenräumen gedreht, meist von dumpfen Technobeats begleitet; eine Kamera, die sich so nah an die Protagonisten hält, dass man - mit ihnen - beständig den Überblick verliert, und eine taumelnde Heldin, die am Ende in einer tief verschneiten japanischen Kleinstadt ein wenig wieder zu sich findet.

Fallgeschichte(n)

Neben solchen Arbeiten, die explizit auch auf die überwältigende Wirkung ihrer Bilder setzen, konnten sich andere - sprödere, nüchterne, analytischere - Ansätze durchaus behaupten:

Laurent Cantets L'emploi du temps etwa oder auch die deutschen Festivalbeiträge wie Angela Schanelecs Mein langsames Leben, Andreas Veiels Black Box BRD - der am 9. November in Wien ins Kino kommt - oder Karin Jurschicks Danach hätte es schön sein müssen: eine unglaublich genau strukturierte und montierte dokumentarische Arbeit, die familiäre Vergangenheit objektivierte und zu einer kleinen Fallgeschichte des Privatlebens in der Nachkriegs-BRD erweiterte.

Oder auch die zahlreich vertretenen heimischen Produktionen, die unterschiedlichste Formate und formale Ansätze sinnfällig ausloteten. Angesichts der hiesigen Produktionsverhältnisse und des diesbezüglichen bundespolitischen Desinteresses fast schon eine (gelungene) optische Täuschung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2001)

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