Die Tschechoslowakei - Insel der Demokratie

28. Oktober 2001, 22:02
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Die Erste Tschechoslowakische Republik blieb in einem Meer autoritärer und faschistischer Staaten Demokratie; doch das Minderheitenproblem blieb ungelöst.

Die Tschechoslowakische Republik (CSR) bildete in der gesamten Zeit ihres Bestehens zwischen den beiden Weltkriegen im Umfeld der mittel-, ost- und südeuropäischen Staatenwelt eine Ausnahme: Sie bewahrte sich bis zu ihrem Untergang die parlamentarische Demokratie. Unter den Parteien, die nach der Konsolidierungsphase des jungen Staates 1920 zu den Wahlen antraten, errangen die tschechoslowakischen Sozialdemokraten 74 der 300 Mandate; die deutschen Sozialdemokraten bildeten in den Sudetengebieten ebenfalls, mit 33 Sitzen, die stärkste Gruppierung. Doch war damals an eine Zusammenarbeit mit den Parteien der deutschen und der ungarischen Parteien nicht zu denken. Die tschechoslowakischen Sozialdemokraten bildeten zusammen mit den Nationalen Sozialisten (der Partei von Benes) und den Agrariern, also der Bauernpartei, eine Koalitionsregierung. Dass auch bereits slowakische Autonomisten unzufrieden mit dem neuen System waren, zeigte sich an der Oppositionshaltung der von dem Priester Andrej Hlinka geführten Slowakischen Volkspartei (darüber wird in den Folgen über die Geschichte der Slowakei ausführlich zu berichten sein).

Während der knappen zwei Jahrzehnte ihres Bestehens wurde die CSR von Koalitionskabinetten regiert. Das Parteiensystem war aufs engste mit dem Parlament verwoben, es kam während der ganzen Periode niemals vor, dass es dort zu einem Misstrauensvotum gegen eine Regierung kam. Tomás G. Masaryk, der durch die Verfassung erhebliche Rechte erhalten hatte, sammelte einen kleinen Kreis von liberalen Intellektuellen um sich - Benes, von 1918 bis 1935 Außenminister, danach Masaryks Nachfolger als Staatspräsident, gehörte zu ihnen -, der auf informellem Weg, gestützt auf die Autorität des Staatsoberhaupts, die Politik des Landes entscheidend beeinflusste.

Nach dem Amtssitz des Präsidenten allgemein die "Burg" genannt, berief sich dieser Kreis auf Traditionen des Hussitismus und drängte den Einfluss der Aristokraten - die Verfassung hatte den Adel ohnedies abgeschafft - und der Kirche zurück. Die "Burg" fühlte sich nicht nur der französischen Politik verpflichtet, sondern sah in Frankreich auch das Vorbild, den Staat auf der Grundlage des "Tschechoslowakismus" zentralistisch zu führen, wobei außer Acht blieb, dass weder die historische Entwicklung noch das Faktum der ohnedies - auch von vielen Slowaken - bezweifelten nationalen Einheit einen Vergleich mit Frankreich zuließen.

Das schwierigste Verhältnis blieb zweifellos das zu den rund drei Millionen Deutschen, die sich als die bis 1918 staatstragende Nation in eine Minderheitsstellung gedrängt und wenig Entgegenkommen des nunmehrigen Mehrheitsvolks ihnen gegenüber sahen, aber zunächst auch selbst wenig Bereitschaft zur Zusammenarbeit zeigten. Der vom Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokraten Josef Seliger entwickelte Plan national abgegrenzter Bezirke wurde von den tschechischen Parteien ebenso zurückgewiesen wie die vom deutschen "Bürgerblock" verlangte Selbstverwaltung. In der "neuen Schweiz", wie sie von Benes versprochen worden war, war für eine kantonale Gestaltung (wie sie auch von österreichischer Seite vorgeschlagen worden war) von Anfang offenbar kein Platz. Ja, später verlor durch die Zusammenlegung von (ehemals Österreichisch-) Schlesien mit Mähren die einzige mehrheitlich deutsche Region ihre Landesselbstverwaltung.

Viel böses Blut erzeugten auch die Beschlüsse zu einer Bodenreform, mit der das Parlament durch Enteignung von Landbesitz über 150 Hektar Ackerland das "Unrecht von 1620" tilgen wollte. Von der Neuverteilung des Bodens blieben aber Angehörige der Minderheiten ausgeschlossen. Schwer fiel vielen Sudetendeutschen die Anerkennung der von der Republik erlassenen Sprachgesetze (über diese Frage waren ja letztlich in der Monarchie die Ausgleichsverhandlungen mit Böhmen gescheitert). Nunmehr mussten sich die Deutschen zur Anerkennung der "tschechoslowakischen" Staatssprache bekennen, auch wenn ihnen die Verordnungen auf lokaler Ebene weiterhin durchaus entgegenkamen, sodass nach einer deutschen Statistik von 3,2 Mio. deutschsprachigen Staatsbürgern nur knapp 300.000 gezwungen waren, im Umgang mit den Behörden auf den Gebrauch der Muttersprache zu verzichten. Auch das deutsche Schulwesen blieb weitgehend intakt.

Trotzdem besaßen nun Tschechen und Slowaken für ihre Sprache eine Vorzugsstellung. Die Nationalversammlung, die das Gesetz beschlossen hatte, war Masaryks weisen Worten nicht gefolgt, der Bedenken gegen eine "Staatssprache" mit dem Hinweis geäußert hatte, dass "im demokratischen Staat, der bedeutende nationale Minderheiten hat, alle Sprachen Staatssprachen" seien; lediglich die Bezeichnung "Staatssprache" wurde durch "offizielle Sprache" ersetzt.

Noch im gleichen Jahr 1920, in dem im Frühjahr die Wahlen abgehalten wurden, erlitt der Höhenflug der tschechischen Sozialdemokraten einen schweren Schlag. Der linke Flügel spaltete sich ab, und es kam zur Gründung der Kommunistischen Partei. Sie konnte einen Teil der Arbeiterschaft, insbesondere in wirtschaftlich benachteiligten Industriegebieten, für sich gewinnen. Es kam zu Massenstreiks, ein revolutionäres Zentrum war Kladno mit seinem Kohlenrevier und seiner Eisenindustrie.

Die Regierung blieb gegenüber den linksextremen Forderungen unnachgiebig, den Kommunisten misslang die Durchführung eines Generalstreiks, örtliche Aufstände brachen zusammen. Die Kommunistische Partei der CSR bekannte sich zum Prinzip der Supranationalität, in ihr waren neben Tschechen auch Sudetendeutsche aktiv; bis zu Stalins Wende zur "Volksfrontpolitik" Anfang der 30er-Jahre bekämpfte sie die "Bourgeois-Republik" und übrigens auch deren unzulängliche Minderheitenpolitik.

Die anfängliche Ablehnung des neuen Staates durch die Deutschen wurde allmählich zurückgenommen; hatten zunächst viele Unternehmer in den deutschen Regionen, die die meistindustrialisierten der CSR waren, ihren Frieden mit Prag gesucht, so schwenkte auch die Sozialdemokratie allmählich auf Zusammenarbeit um. Die Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse Mitte der Zwanzigerjahre trug zweifellos dazu bei, dass das Trauma des Endes der Monarchie mit ihrem Vorrang für die Deutschen zu schwinden schien.

Bei den Wahlen Ende 1925 errangen 16 Parteien, darunter fünf deutsche, Mandate. Die großen Verlierer waren die tschechischen Sozialdemokraten, die von den Kommunisten überflügelt wurden. Die neuen Mehrheitsverhältnisse führten schließlich dazu, dass in die Regierung des kompromissbereiten Ministerpräsidenten Antonín Svehla erstmals auch zwei Vertreter deutscher (bürgerlicher) Parteien eintraten, wenig später folgte auch die Slowakische Volkspartei. Als der Rechtsruck bei den Wahlen 1929 wieder korrigiert wurde, kam es zur Teilnahme sudetendeutscher Sozialdemokraten an der Regierung.

Damit war der "Aktivismus", zu dem sich die gemäßigten bürgerlichen deutschen Parteien und die Sozialdemokraten schon vor der Regierungsbeteiligung bekannt hatten, in eine Phase getreten, die Hoffnung für eine Lösung jenseits der nationalistischen Gegensätze erlaubte. Immerhin hatten die "aktivistischen" Parteien, die bei aller Kritik an bestehenden Mängeln zur Zusammenarbeit auf dem Boden des Staates und der Verfassung bereit waren, damals 1,3 Millionen Wählerstimmen hinter sich, während sich die "Negativisten" Mitte der zwanziger Jahre nur auf rund 400.000 Stimmen berufen konnten. Es waren dies zwei "negativistische" Parteien: die Deutsche Nationalpartei und die DNSAP, die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (als Nachfolgeorganisation der Deutschen Arbeiterpartei der Monarchie gegründet, also kein Ableger der Hitlerpartei).

Zunächst schien so ein Weg zu einer allmählichen Lösung der Spannungen gefunden. Allerdings ergab die Teilnahme deutscher Minister an den Regierungen in Prag noch keine spektakulären Verbesserungen in der Rechtsstellung der Minderheiten, aber ein neues Verhältnis der Sudetendeutschen zur ungeliebten tschechoslowakischen Republik lag nicht mehr in unerreichbarer Ferne. Doch dann zerbrachen diese Hoffnungen an zwei Ereignissen.

Zum einen war es die Weltwirtschaftskrise, deren Auswirkungen die deutschen Gebiete der CSR besonders hart trafen. Die Sudetendeutschen fühlten sich benachteiligt, als die Investitionen seitens der Regierung hauptsächlich in die Schwerindustrie im Landesinneren und nicht in die Leichtindustrie flossen. Das Arbeitslosenelend ließ viele nicht auf die Kommunisten, die sich Zuwachs erhofften, sondern auf die deutschnationalen "Negativisten" hören.

Zum anderen traten DNSAP und DNP immer offener für einen Anschluss an Deutschland ein, als 1933 Hitler die Macht in Berlin ergriff; und als sie die der SA nachempfundene Wehrorganisation "Volkssport" gründeten, wurden sie verboten. Damit war das Problem nicht aus der Welt geschafft: Der Turnlehrer Konrad Henlein aus Asch rief am 1. Oktober 1933 zum Beitritt zu einer über den Parteien stehenden "Sudetendeutschen Heimatfront" auf. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 27./28. 10. 2001)

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    Tomas Masaryk

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