Vielvölkerstaat Tschechoslowakei

19. Oktober 2001, 21:19
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Die Hoffnung auf eine "neue Schweiz", in der die Völker friedlich zusammenleben würden, musste im Zeitalter des Rufs nach "Selbstbestimmung" Wunschdenken bleiben.

Noch ehe die Friedensverträge von Saint-Germain, Trianon und Versailles unterzeichnet waren, waren die Alliierten den Vorstellungen von Masaryk und Benes gefolgt, wonach die Tschechoslowakei, soweit es Böhmen und Mähren betraf, in den historischen Grenzen erstehen sollte. Die Mächte, die sich zur Zerschlagung des Vielvölkerstaates der Habsburger entschlossen hatten, gestanden damit den tschechischen Politikern die Bildung eines Staates zu, der im verkleinerten Maßstab ein ebenso multiethnisches Gebilde wie die untergegangene Monarchie war. Von seinen mehr als 14 Millionen Bewohnern waren rund 7 Millionen Tschechen und 2,7 Millionen Slowaken - zusammen 66 Prozent, sie galten im Geiste des von den Staatsgründern konzipierten "Tschechoslowakismus" als die vereinte staatstragende Nation; dazu kamen rund 3,2 Millionen Deutsche (22,5 Prozent), 800.000 Ungarn, 480.000 Ukrainer und 100.000 Polen (sowie die nicht gesondert ausgewiesenen Roma).

Die in Prag unter dem Jubel der Massen gebildete Revolutionäre Nationalversammlung, der nur tschechische und slowakische Abgeordnete angehörten, hatte Tomas G. Masaryk zum Präsidenten der neuen Republik und eine Regierung mit Karel Kramár als Ministerpräsident gewählt. Nun galt es, noch vor den Friedensschlüssen vollendete Tatsachen zu schaffen, wobei es insbesondere Edvard Benes dank seiner im Exil wohlvorbereiteten Verbindungen gelungen war, die Zustimmung der Entente für die zu treffenden militärischen Maßnahmen zu sichern.

In Wien hatte der Staatsrat der dort gebildeten Republik die Grenzen Deutschösterreichs im Wesentlichen entlang der Sprachgrenzen der Monarchie festgelegt. Demnach sollten die Bundesländer Deutschböhmen und Sudetenland gebildet, Südmähren Niederösterreich und der Böhmerwaldgau Oberösterreich angeschlossen werden. Diese Grenzziehung hätte freilich zur Voraussetzung gehabt, dass sich Deutschösterreich entsprechend der Proklamation vom 12. November 1918 an die deutsche Republik angeschlossen hätte - Deutschland wäre aus dem Krieg territorial gestärkt hervorgegangen, eine illusionäre Vorstellung.

Schon im Winter 1918/19 konnten intakt gebliebene tschechische Truppen das deutsche Siedlungsgebiet ohne nennenswerten Widerstand besetzen, die Landesregierungen flüchteten ins Wiener Exil. Die bei der Entente beantragte Volksabstimmung in den strittigen Gebieten wurde abgelehnt. Als am 4. März 1919 die erste gewählte Nationalversammlung in Wien zusammentrat, riefen die Sozialdemokraten und Gewerkschaften in deutschböhmischen Städten zu Protestkundgebungen auf; sie wurden vom tschechischen Militär blutig unterdrückt. Im Friedensvertrag von Saint-Germain-en-Laye (10.9.1919) musste Österreich neben den Ländern der Wenzelskrone auch Gebietsstreifen des Wald- und des Weinviertels an die Tschechoslowakei abtreten; die Sudetendeutschen - diese Bezeichnung für die Deutschsprachigen in Tschechien wurde nun allgemein - mussten sich mit ihrem Los als Minderheit im tschechoslowakischen Staat abfinden. Von Deutschland wurde das kleine Hultschiner Ländchen abgetrennt.

Für die Vereinigung mit der seit einem Jahrtausend zu Ungarn gehörig gewesenen Slowakei konnte sich die Prager Regierung nicht auf das böhmische Staatsrecht berufen, sondern auf die Vereinbarungen, die Masaryk mit Vertretern der Slowaken (und auch der Karpato-Ukrainer) im Exil getroffen hatte. Im Dezember 1918 begann die Besetzung der Slowakei durch tschechische Truppen, doch wurden diese von den Honvéds der Regierung Károlyi zurückgedrängt.

Eine erste Demarkationslinie hätte die alte ungarische Krönungsstadt Preßburg/Pozsony/ Bratislava - damals zu zwei Fünftel von Ungarn, zwei Fünftel von Deutschen und einem Fünftel von Slowaken bewohnt - bei Ungarn belassen. Benes aber konnte die Alliierten von der Notwendigkeit einer strategischen Grenze überzeugen, die Ungarn mussten sich zurückziehen und Bratislava als künftige Hauptstadt des slowakischen Teils der CSR aufgeben. Doch noch einmal ging ein großer Teil der Slowakei verloren, als die Armee von Béla Kuns Räteregierung bis an die Tatra vorstieß und im Mai 1919 eine slowakische Räterepublik in Kaschau proklamiert wurde; nach einem rumänischen Entlastungsangriff mussten sich die Roten Garden freilich zurückziehen. Im Friedensvertrag von Trianon (4.6.1920) musste dann Ungarn endgültig auf die Slowakei und die Karpato-Ukraine (mit einer strategischen Grenzziehung weit südlich der slawisch-magyarischen Sprachgrenze) verzichten.

In Konflikt geriet die junge Tschechoslowakei mit dem ebenfalls wiedererstandenen Polen über die Grenzziehung im einstigen Herzogtum Teschen in Österreichisch-Schlesien. Das von Polen, Tschechen und Deutschen bewohnte Gebiet war bereits Ende Oktober 1918 von Polen besetzt worden, obwohl es die Tschechen entsprechend seiner Zugehörigkeit zur böhmischen Krone beansprucht hatten. Nach Protesten Prags bei den Alliierten schlug Polen eine Volksabstimmung vor; das wurde von den Tschechen abgelehnt, wobei zweifellos eine Rolle spielte, dass bei der zu erwartenden Mehrheit für Polen ein wichtiges Kohlenrevier verloren gewesen wäre. Benes konnte schließlich die Annahme eines alliierten Schiedsspruchs durchsetzen, durch den die Stadt Teschen geteilt wurde und das Gebiet westlich des Olsa-Flusses zur CSR kam.

So waren die territorialen Wünsche der Tschechoslowakei durch die Friedensschlüsse weitgehend befriedigt worden; überzogene Vorstellungen wie die Schaffung eines Korridors durch das spätere Burgenland, der eine Verbindung der Tschechoslowakei zu den slawischen Brudervölkern Jugoslawiens schaffen sollte, wie auch die von Benes geforderte Autonomie für die Lausitzer Sorben in Deutschland wurden freilich abgelehnt. Die Prager Forderung, der Tschechoslowakei als "kriegführendem Alliierten" österreichische Reparationen zuzuteilen, fand ebenfalls keine Zustimmung, im Gegenteil musste auch die CSR einen Teil der österreichisch-ungarischen Vorkriegsschulden als "Befreiungstaxe" übernehmen.

Die westlichen Friedensmacher, insbesondere Frankreich, verfolgten mit ihrer Neugestaltung der Staatenwelt Ostmitteleuropas vor allem zwei Ziele: Einmal sollte dort einer künftigen Expansionspolitik Deutschlands durch relativ starke Mittelstaaten Grenzen gesetzt werden, andererseits sollten diese als bürgerlich-demokratische Republiken einen "Cordon sanitaire" gegen den Bolschewismus bilden. Außerdem sollte auf jeden Fall eine Rückkehr der Habsburger verhindert werden. Das lag auch im Interesse der mit dem Segen Frankreichs von der Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien gebildeten "Kleinen Entente".

Der amerikanische Präsident Wilson hatte in seinen "14 Punkten" für die Völker Österreich-Ungarns "die freieste Gelegenheit autonomer Entwicklung" verlangt. In Brest-Litowsk konnten sich die Deutschen in den Friedensverhandlungen mit den Bolschewiken auf das von diesen geforderte "Selbstbestimmungsrecht" berufen, als sie die Abtretung der Randgebiete des Russischen Reichs durchsetzten. Und auch die Besiegten erwarteten bei Kriegsende die Selbstbestimmung.

Die Zuteilung großer Minderheiten an die Nachfolgestaaten der Monarchie erfolgte hingegen aus machtpolitischen Überlegungen vor allem Frankreichs. Zugleich war man sich bewusst, dass die Stabilität der neuen Staaten auch davon abhängig sein würde, in welchem Ausmaß die Interessen der nationalen Minderheiten berücksichtigt würden. Deshalb wurde den Staaten Ostmitteleuropas die Unterzeichnung eines vom Völkerbund garantierten Minderheitenschutzvertrags auferlegt. Benes hatte in Paris eine "zweite Schweiz" versprochen, "einen Staat mit Institutionen (...), die die besonderen Verhältnisse in Böhmen in Betracht ziehen, und der einige Hauptgrundsätze des liberalen schweizerischen Regimes übernimmt."

Der österreichische Sozialdemokrat Otto Bauer, der 1919 wegen der Erfolglosigkeit der Verhandlungen in Saint-Germain als Außenminister zurücktrat, meinte dazu mit realistischer Skepsis: "Man versucht, uns damit zu trösten, dass die tschechoslowakische Republik eine neue Schweiz werden könnte, in der sechs Völker in Freiheit und Frieden zusammenleben würden. Aber (...) nur ein oberflächlicher Nationalismus, der von der historischen Bedingtheit staatlicher Ordnung und nationalen Zusammenlebens nichts ahnt, kann glauben, dass das Schweizer Vorbild an beliebiger Stelle unter beliebigen geographischen, wirtschaftlichen und historischen Bedingungen nachgeahmt werden kann . . ." (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 20./21. 10. 2001)

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