Die Gründung der Tschechoslowakei

13. Oktober 2001, 13:12
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Der Erste Weltkrieg eröffnete den Tschechen die Chance für die nationale Unabhängigkeit. Masaryk und Benes gelang es, die Alliierten dafür zu gewinnen.

Die böhmische Krise war ungelöst, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Die Ausgleichsverhandlungen, in denen bereits Fortschritte erzielt worden waren, waren an der unnachgiebigen Forderung der deutschböhmischen Seite, sofort ethnisch abgegrenzte Verwaltungsbezirke zu bilden, und am Streit um die innere Amtssprache gescheitert. Der Landtag war infolgedessen arbeitsunfähig, Österreichs Ministerpräsident Karl Graf Stürgkh regierte Böhmen mit Notverordnungen. Die Kriegserklärung an Serbien wurde in den deutschsprachigen Gebieten enthusiastisch begrüßt, aber auch die tschechische Bevölkerung verurteilte den Mord am Thronfolger, der ja als slawenfreundlich gegolten hatte.

Bis zu diesem Krieg, der mit dem Eintritt Russlands alten panslawistischen Ideen neue Nahrung gab, hatten die um einen gangbaren Weg zur tschechischen Gleichberechtigung bemühten Politiker eine Lösung realistischerweise nur im Rahmen der Habsburgermonarchie gesehen, wobei als Antwort auf die Magyarisierungspolitik in der ungarischen Reichshälfte auch eine Änderung des Status der stammverwandten Slowaken zunehmend Interesse fand. Man sah in einer politischen Autonomie der beiden Völker die wünschenswerte Lösung. Die Kriegsbegeisterung insbesondere der deutschnationalen Parteien, die bereits für die Zukunft das "Schutz- und Trutzbündnis" zwischen dem Hohenzollernreich und der Donaumonarchie auf ein gewaltiges, deutschbestimmtes mitteleuropäisches Imperium ausgedehnt sahen, wurde von den Tschechen mit wachsendem Misstrauen betrachtet.

Noch schlimmer aber war es, dass die österreichische Regierung und die Militärbehörden gegen tschechische Politiker, aber auch gegen Offiziere und Soldaten mit schwersten Strafmaßnahmen vorgingen, sobald - berechtigt oder nicht - der Verdacht des Hochverrats oder der Desertion aufkam. So wurde der Führer der Jungtschechen, Karel Kramár, angeklagt, weil er (noch vor dem Krieg) Sympathien für eine Allslawische Föderation unter russischer Führung geäußert und nach Kriegsausbruch die Alliierten ersucht hatte, bei einem Verhandlungsfrieden für eine staatsrechtliche Selbstständigkeit der böhmischen Länder innerhalb der Monarchie einzutreten. Kramár wurde 1916 zum Tode verurteilt, erst die nach dem Tod Franz Josephs von Kaiser Karl erlassene Amnestie hob das Urteil auf. Auch andere tschechisch-nationale Politiker wurden eingesperrt, etliche Vereine, so die Massenorganisation des Turnvereins "Sokol", wurden verboten. Nach dem Überlaufen von zwei tschechischen Regimentern an der russischen Front fällte die k.u.k. Militärjustiz zur Abschreckung zahlreiche Todesurteile.

In dieser neuen Situation änderte auch Tomás G. Masaryk, der bis dahin als "Realist" eine Lösung innerhalb der Monarchie gesucht und als Einzelkämpfer und überzeugter Demokrat auch den Hitzköpfen im nationaltschechischen Lager widersprochen hatte, seine Meinung, erschien doch nun im Fall einer Niederlage auch die Doppelmonarchie infrage gestellt. Für diesen Fall sah er nun in einer Vereinigung von Tschechen und Slowaken in einem selbstständigen Staat das Ziel, und er begrüßte es, dass sich die Anhänger dieser Idee in geheimer Opposition, die sich den bezeichnenden Namen "Maffia" gab, zu sammeln begannen. Als die Verhaftungen begannen, befand sich Masaryk in der Schweiz und kehrte, von seinem Schüler Edvard Benes gewarnt, nicht mehr in die Heimat zurück. Von der Schweiz aus begann er bei alliierten Politikern um Verständnis für sein Konzept des künftigen tschechoslowakischen Staates zu werben. In Frankreich bildeten Auslandstschechen einen Nationalrat, die Amerika-Tschechen unterstützten ihn finanziell.

Im September 1915 gelang auch Benes die Flucht ins Exil. Zunächst in Frankreich, das den tschechisch-slowakischen Nationalrat anerkannte, dann 1917 in Russland nach der Kerenskischen Februarrevolution, trat Masaryk für die Bildung von aus tschechischen Überläufern und Kriegsgefangenen zu bildenden Truppen ein und hatte dort mit der Aufstellung einer Tschechischen Legion besonderen Erfolg (sie war zuletzt 92.000 Mann stark und kämpfte dann an der Seite der "Weißen" gegen die Bolschewiken).

Die immer verzweifelteren Versuche Kaiser Karls, die Tschechen durch die Zusage einer Neuordnung der Monarchie bei der Stange zu halten, boten zu wenig und kamen zu spät. Konservative tschechische Politiker traten mit einem "Tschechischen Verband" als Verhandlungspartner auf und versicherten den Kaiser der unverbrüchlichen Treue zur Monarchie. Aber die Entwürfe, die unter Mitwirkung böhmischer Aristokraten entstanden, waren unzulänglich, weil sie die geforderte Gleichstellung der Wenzelskrone-Länder mit Ungarn vermieden, und die Gegenminen, die von den Deutschnationalen für den Fall des von ihnen noch immer erhofften "Siegfriedens" gelegt wurden, hielten das tschechische Misstrauen wach. In der "Dreikönigsdeklaration" von 1918 erteilten sämtliche tschechischen Reichsrats-und Landtagsabgeordeneten allen früheren Föderationsentwürfen eine Absage.

Im Mai 1918 begannen Masaryk und Benes ihre "Auslandsaktion" in Washington und suchten Präsident Wilson für ihre Vorstellungen zu gewinnen; Wilson hatte ja in seinen "14 Punkten" noch sehr allgemein "die freieste Gelegenheit autonomer Entwicklung" für die Völker der Doppelmonarchie verlangt. Noch waren sowohl Englands Lloyd George als auch Frankreichs Clemenceau nicht zur Auflösung Österreich-Ungarns entschlossen. Erst als der Versuch Kaiser Karls, einen Sonderfrieden zu erwirken, scheiterte, und Wien dem Deutschen Reich seine absolute Bündnistreue versichern musste, wendete sich das Blatt.

Eine bedeutende Rolle spielte dabei auch die westeuropäische Angst vor dem Bolschewismus, blieben doch Lenins Aufforderungen zur Weltrevolution auch beim kriegsmüden englischen und französischen Proletariat nicht ungehört. So wurde es das Ziel der französischen Geopolitik, einen "Cordon sanitaire" unabhängiger und dem Westen verbundener Staaten in Mittel-und Osteuropa zu schaffen. Am 13. Mai 1918 schloss Masaryk mit slowakischen Vertretern in Pittsburg ein Abkommen über den künftigen gemeinsamen Staat, wobei den Slowaken Autonomie versprochen wurde.

Im Sommer 1918 wurde der tschechoslowakische Nationalrat zunächst von der Entente als Alliierter anerkannt. Masaryks persönlichem Einsatz gelang es, auch den noch zögernden Wilson dafür zu gewinnen. Benes erreichte in Paris die Akzeptanz für die Anerkennung der "historischen und natürlichen" Grenzen des künftigen Staates, soweit dies Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien betraf; die Slowakei unterstand ja seit tausend Jahren der ungarischen Krone. Von einer Mitentscheidung der Bewohner dieser Gebiete nach dem von Wilson verkündeten Selbstbestimmungsrecht war nicht die Rede.

Wenige Tage nachdem Kaiser Karl die Alliierten um einen Waffenstillstand gebeten hatte, vollzog Benes in Paris am 14. Oktober 1918 die Konstituierung einer provisorischen tschechoslowakischen Regierung; sie wurde von den Alliierten anerkannt. In Prag hatte Karel Kramar schon im Hochsommer 1918 einen tschechisch-slowakischen Nationalausschuss gegründet; dieser begann systematisch mit Vorbereitungen für die nationale Revolution. Am Tag nachdem Österreich-Ungarn den Westen um einen Separatfrieden ersucht hatte, am 28. Oktober 1918, berief der Jungtscheche Alois Rasin den Nationalausschuss ein. Unter dem Eindruck stürmischer Massendemonstrationen in Prag beschloss der Ausschuss ein "Gesetz über die Errichtung des tschechoslowakischen Staates"; dessen Verkündung wurde von der tschechischen Bevölkerung mit ungeheurem Jubel aufgenommen. Am gleichen Tag wurden in Genf Masaryk zum Präsidenten und Karel Kramár zum Chef der Regierung des künftigen Staates berufen.

Am 11. November trat die Provisorische tschechoslowakische Nationalversammlung - ohne Vertreter der durch den Anspruch auf die historischen Grenzen einverleibten deutschsprachigen Regionen - zusammen. Sie erklärte drei Tage danach das Haus Habsburg für abgesetzt und proklamierte die Tschechoslowakische Republik. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 13. / 14. 10. 2001)

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