Unheimlich viel Gegend

6. August 2003, 12:49
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Mongolei, das hat für Europäer immer noch etwas Wildes, Abenteuerliches, vielleicht, weil die meisten zum ersten Mal in Zusammenhang mit dem Welteroberer Dschingis Khan von diesem Land gehört haben.

Die Klischees stimmen und stimmen auch nicht. Das Land ist tatsächlich von über-wältigender Schönheit und Weite und die Nomaden von mitreißender Gastfreundlichkeit.

Über sanft geschwungene Pässe hinaufreiten, die Matten voller Edelweiß und Enzian, die mit Lärchen bestandenen Schattenhänge hinunter ins nächste Tal zum nächsten Fluss und über den nächsten Bergrücken und dahinter wieder ein weites Tal. Murmeltiere pfeifen, tausende Ziesel verschwinden in ihren Löchern, wenn sie die Hufschläge der Pferde hören, die querfeldein zum nächsten Wasserloch galoppieren. Im riesigen, endlosen Himmel kreisen Greife. Adler, Falken, Bussarde und Milane. Die Stille ist so laut, dass sie brüllt.

Die klaren Flüsse mäandern ruhig durch die grasigen Ebenen. Die Herden kommen zum Saufen, in der Hitze des Mittags bleiben die Pferde im Fluss stehen und dösen, Yaks stehen bis zum Bauch im Wasser, ihr schwarzes Fell glänzt. Die kleinen mongolischen Pferde sind ungemein ausdauernd. Sie schaffen pro Tag locker 45 Kilometer, was man nicht von jedem europäischen Pferd (und Reiter) behaupten kann. Aber diese archaische Art des Reisens bewirkt, dass man unendlich viel sieht - unendlich viel Gegend.

Das Bunteste im Herbst sind die Kaschmir-Ziegenherden. Gefleckt in Braun, Weiß und Schwarz, quellen sie über die Hänge der Kernprovinz Arkhangai. Im kurzen Steppengras leuchten weiß die Skelette der im vergangenen Katastrophenwinter umgekommenen Tiere: breite Yakschädel, schlankere Pferdeschädel, das gedrehte Gehörn der Ziegen. An den Wasserlöchern schreiten anmutig die Kraniche, Enten, Reiher, und eine Unzahl kleinerer Vögel stiebt auf.

Ein Paradies für Birdwatcher, die an Strapazen gewöhnt sind. Denn diese Vielfalt wird einem nicht geschenkt. Die Steppe, die wohl genauso aussieht wie zu der Zeit, als die Krieger Dschingis Khans sich nach Westen aufmachten, hat ihre Tücken. Bis man in diese Einsamkeit eintauchen kann, fährt man mit dem Geländewagen über unfassbar löchrige und staubige Pisten. Der Fremde tut gut daran, sich den Brustkorb zu bandagieren oder ein Korsett anzuziehen, denn das mörderische Geschüttel, wenn man mit 100 km/h über diese bodenlosen Schlaglöcher und Steintrümmer poltert, zeitigt üble Nachwirkungen.

Auch die Murmeltiere sind bei näherem Hinsehen so putzig nicht. Die Mongolen schätzen ihr fettes Fleisch. Innereien und Fett der Nager dienen zur Herstellung von allerlei Medizin. So kommt es, dass in einem Land mit zweieinhalb Millionen Einwohnern pro Jahr etwa eine Million Murmeltiere erlegt wird. Etliche von ihnen haben Pestflöhe. Das erklärt, dass es immer wieder zu lokalen Ausbrüchen der Seuche kommt. So kann es passieren, dass man ein Städtchen, durch das man drei Tage vorher noch geritten ist, bei der Rückkehr nicht mehr queren darf, weil die sehr strenge Pestquarantäne verhängt wurde. Eine Umfahrung des Gebiets beweist, dass auch einheimische Fahrer sich leicht in den endlosen, grasigen Hügelketten verirren können, wenn der letzte Nomade in der letzten Jurte vor der großen Einsamkeit in die falsche Richtung zeigt. Der Weg zurück zur alten Hauptstadt Kara Korum ist weit, vor allem, wenn der Jeep platte Reifen hat und die Sonne vom Himmel knallt . . .

Kulinarisch ist die Mongolei etwas für Abgehärtete. Mit Hammel, Hammelsuppe (ups), gegorener Stutenmilch (na ja), Yakyoghurt (lecker), steinhartem Schafkäse (ungenießbar), Tee mit fetter, gesalzener Yakmilch (gewöhnungsbedürftig) und Schwarzbeermarmelade (köstlich) kommen nur die Unerschrockenen durch. Dafür gibt es frische Fische, zum Beispiel Hecht aus dem traumhaft schönen Vulkankratersee Terkhiin Tsagaan Nuur im Khorgo-Nationalpark. Den See hat man, welch unvorstellbarer Luxus, - 18 Kilometer lang und 6 Kilometer breit - für sich allein zum Schwimmen und Wäschewaschen.

Die runden Jurten in den Camps für die Touristen sind überraschend bequem; am idyllischen Fluss Tamir oder bei den heißen Schwefelquellen von Tsenkher ist gut rasten. Konstruiert aus einem scherengitterähnlichen Gestell und mit Filz umhüllt, können sie in einer Stunde auf- und abgebaut werden. Mit einem Holzofen in der Mitte der Jurte lassen sich heimelige Temperaturen erzeugen, wenn es draußen schon mal in Richtung Frost geht. Da die Nomaden zu Frühjahrs-, Sommer- und Winterweiden ziehen, ist diese flexible Architektur eine geniale Erfindung. Arm im Sinne von Hunger ist hier übrigens niemand: Zu essen gibt es für alle, weil die Viehwirtschaft genügend produziert und die Sippen zusammenhalten.

Zum Massentourismus, das betonen alle mongolischen Politiker, eignet sich das weite Land (glücklicherweise) nicht. Es wird wohl immer ein Ziel für Naturliebhaber, unvoreingenommene Neugierige, strapazierbare Abenteuerurlauber - und betuchte Jäger - bleiben.

Die Hauptstadt Ulaanbaatar zeichnet sich nicht durch Schönheit aus, ist aber eine interessante wilde Mischung aus vergammelten Bauten der kommunistischen Ära und moderner Reklameflut. Kein Zweifel, die Mongolei mit ihrer freundlichen Bevölkerung ist im Aufbruch. Die Traditionen will man trotzdem behalten: Im Regierungsgebäude geht man im Uhrzeigersinn um neun weiße Rossschweife, die Feldzeichen Dschingis Khans, herum, auf dass die Geschäfte glückhaft verlaufen.

Von Ingeborg Sperl

Infos:
Arrangements: ENIGMA Travel, E-Mail: enigma@magicnet.mn;
Anreise: Die mongolische Airline MIAT fliegt zweimal die Woche mit ihrem einzigen Airbus die Strecke Berlin-Ulaanbaatar und zurück. Ticketkosten: öS 16.500/EURO 1.133,7;

Variante 2: Anreise über Beijing;

Unterbringung: Hotels in Ulaanbaatar haben mittleren Komfort und freundliches Personal. Unter den Restaurants ist das Khan Bräu zu empfehlen (österreichische Führung);

Über Land: Es empfiehlt sich, Jeeps mit ortskundigen Fahrern zu mieten. Kosten: russische Jeeps pro Kilometer 40 US-Cents/EURO 0,44, Toyota Land Cruiser 70 US-Cents/EURO 0,76.
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