Hexenkessel des Nationalitätenhaders

5. Oktober 2001, 21:37
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Ende des 19. Jahrhunderts prallten die nationalen Gegensätze in Böhmen aufeinander.

Von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität": Mit pessimistischem Weitblick sah Franz Grillparzer die Zukunft Mitteleuropas in den hundert Jahren nach der gescheiterten 48er-Revolution voraus. So liest sich die Geschichte des in der Spätzeit der Habsburgermonarchie ausufernden tschechisch-deutschen Gegensatzes als Chronik tragischen Versagens.

Zwar war die Wiener Revolution niedergeschlagen, aber noch glaubten die Abgeordneten des in das mährische Städtchen Kremsier/Kromeriz verlegten österreichischen Reichstags an eine konstitutionelle Monarchie. Doch der junge Kaiser Franz Joseph und sein Ministerpräsident Fürst Felix Schwarzenberg spielten mit ihrem Lippenbekenntnis dazu nur auf Zeitgewinn. Die Abgeordneten waren sich bewusst, dass auch das Nationalitätenproblem einer dringenden Lösung harrte. Nicht nur die deutschen Liberalen, sondern auch die Führer der tschechischen Nationalbewegung Frantisek Palacky und Frantisek Ladislav Rieger traten für eine Neugliederung der Monarchie nach ethnischen Grenzen ein.

Man fand schließlich zu einem Kompromiss: Die historisch gewachsenen Kronländer sollten bestehen bleiben, aber in nationale Kreise mit Verwaltungsautonomie untergeteilt werden. Rieger formulierte das Prinzip der Gleichberechtigung aller Völker der Monarchie als Grundlage dafür. Doch die Regierung, im Triumph der mit russicher Hilfe erfolgten Unterwerfung Ungarns, ließ im März 1849 den Kremsierer Reichstag durch Militär auflösen, und Franz Joseph regierte fortan absolut.

Die Niederlagen von Solferino (1859) und Königgrätz (1866) zeigten, wie dringend Österreich einer grundlegenden Reform bedurfte. Die tschechische Nationalbewegung hatte sich, als die Preußen Böhmen besetzten und Bismarck ihr Avancen machte, loyal und kaisertreu verhalten. Um so schmerzlicher war ihre Enttäuschung, als 1867 zwar Ungarn mit den an die Stephanskrone gebundenen Landesteilen zum Partner in der Doppelmonarchie wurde, der Wenzelskrone hingegen eine Gleichstellung in Form des von den Tschechen geforderten Trialismus versagt blieb.

Wie überhaupt sich die slawischen Völker der Monarchie durch die privilegierte Stellung der "Herrenvölker" - Deutsche und Magyaren - gedemütigt sahen. Viele fühlten sich zu dem von Russland geförderten Panslawismus hingezogen. Der greise Palacky bezeichnete in seinem politischen Testament seine Aussage über die Notwendigkeit des Fortbestandes Österreichs als "großen Irrtum", Rieger brach die Verhandlungen über einen Ausgleich nach Querschüssen der Ungarn und der Deutschböhmen ab.

Die mit der Bildung neuer Parteien erfolgte Verhärtung der nationalistischen Standpunkte zeigte sich bei den ersten direkten Wahlen zum Reichsrat (dem 1867 gebildeten österreichischen Parlament). Die von den Liberalen abgespalteten Deutschnationalen gewannen die Mehrheit der deutschböhmischen Mandate. Riegers "Alttschechen", die sich mit einem Boykott des Reichsrats begnügt und die Aberkennung ihrer Mandate hingenommen hatten, waren radikaleren Anhängern zu passiv.

Sie gründeten die Freisinnige Nationalpartei ("Jungtschechen"). Nach längerem Streit einigten sich Alt- und Jungtschechen auf die gemeinsame Linie eines auf dem böhmischen Staatsrecht beruhenden föderalistischen Programms. Die 1874 gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs versuchte vorerst, ihrem Internationalismus im Rahmen der Monarchie in Form von autonomen Unterorganisationen gerecht zu werden.

Mit der Ablösung der liberalen Regierung in Wien durch den konservativen Grafen Eduard Taaffe kehrten die tschechischen Abgeordneten in den Reichsrat zurück. Taaffe versuchte, durch die Berücksichtigung tschechischer Forderungen eine Lösung der Spannungen in Böhmen herbeizuführen, was ihm freilich erbitterte Feindschaft seitens der Deutschnationalen eintrug. Sie entflammte vor allem an der Frage der Amtssprache.

Um seine Mehrheit zu sichern, hatte Taaffe den Tschechen für ihre Rückkehr in den Reichsrat eine Neuregelung versprochen. Seine diesbezügliche Verordnung hielt zwar an Deutsch als "innerer Amtssprache" fest, gestand aber im gesamten Gebiet Böhmens den Amtsverkehr in der Muttersprache der jeweiligen Parteien zu. In den 77 (von 216) deutschen Gerichtsbezirken erhob sich dagegen ein Proteststurm, weil die deutschen Beamten nur selten Tschechisch konnten und deshalb ein Zustrom der gewohnt zweisprachigen tschechischen Beamten befürchtet wurde.

Die Deutschböhmen gerieten zunehmend in die Defensive; ihrer Vorrechte verlustig, zeichneten ihre Vertreter das Gespenst einer "Tschechisierung".

Ein Kompromiss, an dessen Zustandekommen Franz Joseph persönlich beteiligt war, scheiterte an der Agitation der Jungtschechen und hochadeliger Großgrundbesitzer gegen die Verhandlungsbereitschaft von Riegers Alttschechen. Die Ablehner wurden von dem angesehenen Universitätslehrer Tomas Garrigue Masaryk (1850-1937) unterstützt, der als Sprecher der "Realisten" ein Mandat erlangt hatte. Als er allerdings 1893 von radikalen Nationalisten wegen seiner Aufdeckung der Fälschung der "Königinhofer Handschrift" attackiert wurde, legte der integre Wissenschafter sein Reichsrats-und Landtagsmandat nieder. In Prag kam es nach der Teilung der altehrwürdigen Universität (1882) in zwei gesonderte Hochschulen mit tschechischer bzw. deutscher Unterrichtssprache immer wieder zu Studentenkrawallen. Nach Ausschreitungen verhängte die Regierung den Ausnahmezustand über die Stadt. Als Ministerpräsident Kazimierz Graf Badeni in einer neuen Sprachverordnung die Gleichstellung von Deutsch und Tschechisch im behördlichen Dienstverkehr anordnete, geriet Österreich in eine Staatskrise.

Das Parlament wurde geschlossen, die rasch aufeinander folgenden Ministerpräsidenten regierten mit Notverordnungen, über Prag wurde wieder der Ausnahmezustand verhängt. Badenis Verordnung wurde sistiert. Vormalige Jungtschechen gründeten die scharf antideutsche (und antisemitische) National-Soziale Partei, die vor allem in den gemischsprachigen Regionen Anhang fand und die Sozialdemokraten, die das böhmische Staatsrecht ablehnten und für nationale Autonomie eintraten, überflügelte (schließlich brachen sie dann doch mit der Mutterpartei und traten in den Tschechenklub des Reichsrats ein).

Auf deutscher Seite verzeichnete die Deutschradikale Partei immer mehr Zulauf. Die Stimmen der Vernunft blieben erfolglos. Weder Masaryk, der für eine neugegründete Fortschrittspartei wieder im Reichsrat saß und dort als einer der angesehensten Vertreter für eine nationale Abgrenzung und die Beschränkung der "inneren Amtssprache" auf die rein tschechischen Regionen eintrat, noch die Sozialdemokraten Karl Renner und Otto Bauer mit ihren Vorschlägen für eine Personalautonomie fanden in Böhmen Gehör. Lediglich in Mähren kam 1905 der so genannte "Mährische Ausgleich" zustande, in dem durch zwei Wählerkataster mit nationalen Kurien und die autonome Verwendung der Landessprache in zwei Selbstverwaltungskörpern die Konfrontation abgebaut werden konnte.

In Böhmen hingegen blieben alle Bemühungen um eine Befriedung vergeblich. Der Historiker Jörg K. Hoensch stellt in seiner großen Geschichte Böhmens fest: "Weder der Kaiser, der Thronfolger Franz Ferdinand, das Ministerium Stürgkh, noch die am Bestand einer demokratisierten und föderalisierten k.u.k. Monarchie festhaltenden Politiker im deutschböhmischen und tschechischen Lager erkannten die zwingende Notwendigkeit einer großzügigen und fairen Regelung. Dieses Versäumnis trug entscheidend zum Auseinanderbrechen des österreichischen Kaiserstaates im Ersten Weltkrieg bei." (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 6./7. 10. 2001)

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