Von Reformen zu nationalem Erwachen

23. September 2001, 18:18
posten

Die Reformpolitik Maria Theresias und Josephs II. erleichterte das Los der Bauern und förderte die wirtschaftliche Entwicklung. Mit dem Aufstieg des Bürgertums erwachte ein neues tschechisches Nationalbewusstsein.

Auch die böhmischen Länder wurden in Maria Theresias Reformpolitik des "aufgeklärten Absolutismus" einbezogen. Die Reformen erfolgten, selten zur Freude des Adels, unter der Leitung von Friedrich Wilhelm Graf Haugwitz. Die Stände mussten sich der allgemeinen Steuerpflicht beugen, für die sich die Königin auf die "gottgewollte Gleichheit aller" berief. Adel und Klerus mussten nun endgültig auf ihre Vorrangstellung zugunsten des Beamtenapparats verzichten. Justiz und Verwaltung wurden getrennt, das Los der Leibeigenen erleichtert, die Vermehrung der Klöster hintangehalten, Maße und Gewichte wurden geordnet.

1774 wurde die allgemeine Schulpflicht für die 6- bis 12-Jährigen eingeführt. Auch in den tschechischen Gebieten erfolgte der Unterricht in der Volkssprache, und dabei sorgte der zum Oberaufseher der "Normalschule" ernannte Priester Ferdinand Kindermann für die Herausgabe der tschechischen Lehrbücher, Bibeln und Katechismen, wodurch das bis dahin weitgehend analphabetische Landvolk mit einer einheitlichen Schriftsprache vertraut wurde. Auch die Gymnasien und die Universität wurden reformiert. Maria Theresias Sohn Joseph II. (ab 1765 römisch-deutscher Kaiser, 1780-90 auch böhmischer König) war schon auf seinen frühen Visitationsfahrten durch Böhmen auf das Elend und die Ausbeutung der Bauern aufmerksam geworden, die schon von Kind auf schwerste Robotarbeit zu leisten hatten.

Zunächst blockte der Adel aber ein neues Robotpatent weitgehend ab. Im Gebiet von Königgrätz kam es daraufhin zu einem Aufstand; er wurde zwar vom Militär niedergeschlagen, doch bald folgten wesentliche Erleichterungen und schließlich 1781 die Aufhebung der Leibeigenschaft. Dies ermöglichte dem Landvolk soziale Aufstiegsmöglichkeiten in den Handwerksstand, ja sogar zum Studium, der Mehrzahl der Abwandernden freilich vor allem die Lohnarbeit in der sich entwickelnden Industrie. Josephs Versuche, auch die wirtschaftliche Selbstständigkeit der Bauern zu stärken, scheiterten hingegen am Widerstand von Adel und Kirche.

Diese versuchte auch, den Kaiser von der Verkündigung seines Toleranzpatents (1781) abzuhalten, das Protestanten und Orthodoxen bürgerliche Gleichheit mit den Katholiken sowie Kultusfreiheit gewährte. Gleichzeitig ließ Joseph - wie im ganzen Staat - alle Klöster, die sich nicht mit Krankenpflege, Unterricht oder Wissenschaft befassten, aufheben - in Böhmen und Mähren waren dies zusammen 94 Männer- und 30 Frauenklöster. Zum Unterschied von seiner eher judenfeindlichen Mutter begann mit Josephs Anordnungen auch die Emanzipation der Juden, für die nun alle Gewerbe, Hochschulstudium und Grundbesitz geöffnet wurden. Allerdings wurde ihnen der Gebrauch des Hebräischen und Jiddischen außer Haus untersagt. Sie sollten fortan nur die deutsche Sprache verwenden, in den ersten Volkszählungen des 19. Jahrhunderts ordneten sich die Juden dann zumeist der deutschen Volksgruppe zu.

1784 verordnete der Kaiser seiner ganzen Monarchie das Deutsche als Amtssprache, was nicht nur in Ungarn, sondern auch in Böhmen und Mähren auf heftigen Widerstand stieß. Die Stände betrachteten die Sprachenverordnung als Ausdruck des herrscherlichen Zentralismus und protestierten gegen diese "Missachtung der Landesbräuche". Was rückblickend als Germanisierungsversuch ausgelegt werden kann, war weder für den Adel noch für den Kaiser ein solcher; dem Adel ging es um die Wahrung von Vorrechten und Traditionen, Joseph um eine die Verwaltung seines Staates vereinfachende allgemeine Verkehrssprache, wie sie im Militär ohnehin schon üblich war (und blieb). Josephs Bruder und Nachfolger Leopold II. musste die Verordnung zurücknehmen. Auch Teile der Reformen, die Joseph zugunsten der Bauern angeordnet hatte, hob Leopold unter dem Druck der Gutsherren wieder auf.

Als Leopold nach knapp zweijähriger Regierungszeit starb, folgte ihm sein 24-jähriger Sohn Franz auf den Thron. 1806 legte er die römisch-deutsche Kaiserkrone nieder, nachdem schon zwei Jahre zuvor das "Kaisertum Österreich" proklamiert worden war. Böhmens Kurwürde erlosch, die böhmischen Länder schieden nach achthundertjähriger Zugehörigkeit aus dem Reichsverband aus, die böhmische Königskrone galt als der neuen österreichischen Kaiserkrone unterstellt. Die Reichspfandschaft Eger/Cheb wurde nun endgültig Böhmen angegliedert.

Von den napoleonischen Kriegen wurde Böhmen wenig in Mitleidenschaft gezogen. Um sein Schicksal wurden je nach Kriegslage verschiedene Pläne ventiliert. Zunächst versprach Napoleon Kaiser Franz für einen Bündnisvertrag die Rückgabe ganz Schlesiens, was dieser ablehnte. Dann wurde die Schaffung eines neuen mitteleuropäischen Staatsgebildes erwogen, das Sachsen, Böhmen und Polen vereinigen sollte; ebenso gab es Vorschläge für eine neue Selbstständigkeit Böhmens. Mit dem endgültigen Sieg der Alliierten über Napoleon wurde die Zugehörigkeit Böhmens zur österreichischen Monarchie nicht mehr angezweifelt.

Ungeachtet des politischen Drucks des Metternich-Systems entfaltete sich der wirtschaftliche Wohlstand Böhmens außerordentlich. Dies ging Hand in Hand mit einer raschen Entwicklung des tschechischen Bürgertums und der Intelligenz, und dies wieder hatte - vom Klerus gefördert - die Herausbildung eines tschechischen Nationalbewusstseins zur Folge. Auch die Hocharistokratie, obwohl deutsch oder eingedeutscht, die auf das traditionelle Zusammenleben von Tschechen und Deutschen baute, stand den Forderungen nach voller Gleichberechtigung Ersterer im Interesse eines einheitlichen Böhmens wohlwollend gegenüber.

Größte Bedeutung für diese Entwicklung hatten die Arbeiten der Sprachwissenschafter und der Historiker. Josef Dobrovsky schuf die grundlegenden Werke für die Vereinheitlichung der tschechischen Schriftsprache. Dichtung und Theater entfalteten sich. Der Dramatiker J.K. Tyl gab den Tschechen mit dem Lied "Kde domov múj" (Wo ist meine Heimat ...) ein Einheitsbewusstsein (1918-1939 und seit 1993 wieder Staatshymne). Die Rückbesinnung auf die eigenständige Geschichte vor der Schlacht am Weißen Berg wurde durch Frantisek Palackýs (übrigens zunächst auf deutsch erschienene) Geschichte Böhmens gestärkt. Die 1817 in Königinhof/Dvúr Králové und 1818 auf Schloss Grünberg/Zelenohora von Václav Hanka vorgeblich gefundenen alttschechischen Handschriften ließen ein nationalstolzes Bild der frühböhmischen Zeit erstehen (sie wurden von T. G. Masaryk ein halbes Jahrhundert später endgültig als Fälschungen entlarvt).

Die von Intelligenz und Bürgertum getragene junge Nationalbewegung spaltete sich nach 1830 in zwei Flügel. Schon Dobrovsky hatte als Sprachwissenschafter die Einheit der slawischen Sprachen betont und für Russland große Sympathien gezeigt. Dem folgten anfangs viele nationalbewusste Tschechen. Doch als Zar Nikolaus I. die polnische Aufstandsbewegung brutal niederschlug, wandten sich viele, die unter der Metternichschen Polizeifuchtel demokratischen Idealen nachstrebten, von Russland ab. In einem durch liberale Ideen erneuerten Österreich sollte vor allem eine enge Zusammenarbeit der slawischen Völker der Habsburgermonarchie erzielt werden. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 22. /23. 9. 2001)

Share if you care.