Böhmen - Habsburgs unerschöpfliche Geldquelle

14. September 2001, 21:14
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Der Absolutismus machte Böhmen zu einer habsburgischen Provinz unter anderen. Der Raub Schlesiens durch Preußens Friedrich II. veränderte die politische Landschaft.

·Mit der "Verneuerten Landesordnung" Ferdinands II. hatte der Absolutismus in den böhmischen Ländern seinen Einzug gehalten. Die zentralstaatliche Verwaltung schloss die Stände weitgehend von der politischen Mitwirkung aus. Die Verlegung der Böhmischen Hofkanzlei nach Wien machte die da und dort im Adel gehegten Hoffnungen, Prag würde wieder habsburgische Residenzstadt werden, zunichte. Zwar wurden die Landtage von Böhmen, Mähren, Schlesien, der Grafschaft Glatz und der Reichspfandschaft Eger alljährlich einberufen - die hohe katholische Geistlichkeit bildete darin vor Hochadel und (dem stark reduzierten) Stand der Ritter den ersten Stand -, doch hatten sie neben der Bewilligung der direkten Steuern (die indirekten wurden vom König festgelegt) nur unbedeutende Angelegenheiten zu behandeln.

Der Geldbedarf der Habsburger war gewaltig. Wenn der Spruch: "Kriege mögen andere führen, du glückliches Österreich heirate" überhaupt je gestimmt hat, so verkehrte er sich im 17. und 18. Jahrhundert in sein Gegenteil. Das Habsburgerreich war dauernd in Kriege verwickelt - so gegen den Sultan, gegen Frankreich, schließlich gegen Preußen.

Das hatte häufig das Anziehen der Steuerschraube zur Folge. Die trotz der Folgen des Dreißigjährigen Krieges noch immer als reich angesehenen Länder der böhmischen Krone wurden dabei mit 60 bis 65 Prozent des Steueraufkommens überproportional belastet. Die adeligen Grundbesitzer gaben die Lasten selbstverständlich an ihre bäuerlichen Untertanen weiter. Das hatte wiederholt örtliche Bauernaufstände zur Folge, die der Kaiser mit Einschränkungen der Robotpflicht zu beruhigen suchte. Der Appell, die Untertanen "christ- und mildiglich" zu behandeln, fiel bei den Fürsten und Grafen freilich zumeist auf taube Ohren.

Auf Ferdinand III. (1637-1657) war der erst 17jährige Leopold I. (1658-1705) gefolgt. Unter seiner Herrschaft gelang es, nach der erfolgreichen Zerschlagung der Zweiten Belagerung Wiens die Türkengefahr endgültig zu bannen und mit der Eroberung Budapests das Habsburgerreich weit nach Südosten auszudehnen. Diese Erfolge waren nicht zuletzt der klugen Politik seines Ersten Ministers, des böhmischen Adeligen Franz Ulrich Graf Kinsky, zu verdanken. Sein Aufstieg ist ein Beispiel für das Streben vieler böhmischer Magnaten (der "alten", die nach der Neuverteilung der Güter übrig geblieben waren, und der "neuen", aus anderen Teilen der Habsburgermonarchie stammenden), am Wiener Hof hohe Positionen zu erwerben. Daneben wetteiferte der böhmische Adel auch in Prag durch den Bau barocker Paläste in fürstlicher Prachtentfaltung. Er hatte sich in Loyalität zum Herrscherhaus an die neuen Verhältnisse angepasst.

Die Rekatholisierung des Landes war weitgehend gelungen (nur in Schlesien wurde noch einzelne Protestantengemeinden geduldet). Die katholischen Bischöfe und die Jesuiten suchten die Identifizierung des Volkes mit der Kirche durch ein Wiederaufleben des Kults um den heiligen Wenzel, den König der tschechischen Frühzeit, und eine forcierte Marienverehrung zu stärken, die Heiligsprechung von Johann Nepomuk durch den Papst (1729) brachte Böhmen einen neuen Volksheiligen.

Im 18. Jahrhundert vollzog sich auch in den böhmischen Ländern der grundlegende Wandel von der aus dem Mittelalter überkommenen Agrar- und Zunftgesellschaft in die vom Merkantilismus beflügelte Neuorientierung auf moderne Geldwirtschaft, Manufakturen, industrielle Anfänge und Ablösung der Robot durch Lohnarbeit. Die Gewinnung von Eisen löste den unergiebig gewordenen Abbau von Silber, Kupfer und Zinn ab. Die Textilproduktion für den Markt machte große Fortschritte. Auch neue Gewerbe breiteten sich aus, so die sich rasch zu böhmischer Qualitätsmarke entwickelnde Glasbläserei, deren Erzeugnisse sich auch Märkte außerhalb des Habsburgerreichs eroberten. Die Städte sahen sich durch die Aktivitäten des Adels auf handwerklich-industriellem Gebiet bedroht, Klagen darüber blieben freilich erfolglos.

Hingegen schenkte Karl VI. schließlich den von Geistlichen unterstützten Beschwerden über die Verschuldung durch jüdische Geldverleiher Gehör; er verfügte die Vertreibung der Juden aus Schlesien und ihre zahlenmäßige Beschränkung in Böhmen und Mähren. Bedenken der Finanzverwaltung schränkten jedoch die Durchführung solcher Anordnungen wieder ein.

Böhmen war zu einer habsburgischen Provinz neben anderen geworden: Joseph I. (1705-1711) betrachtete es nicht einmal mehr für notwendig, sich mit der Wenzelskrone krönen zu lassen. Sein Bruder Karl VI. (1711-1740) tat dies erst, als er von den Landtagen die Bestätigung des von ihm erlassenen neuen dynastischen Erbgesetzes brauchte - der "Pragmatischen Sanktion", durch die er die Nachfolge in weiblicher Linie (durch seine Tochter Maria Theresia) festlegte.

Die diplomatischen Bemühungen des Kaisers - auch außerhalb seines Reichs - schienen jedoch vergeblich gewesen zu sein, als Maria Theresia sich unmittelbar nach seinem Tod einer Welt von Feinden gegenübersah. Der Preußenkönig Friedrich II. forderte unter windigen Erbansprüchen die Abtretung Schlesiens, und als dies in Wien abgelehnt wurde, besetzte er 1741 diese Provinz und Teile Nordböhmens. Karl Albert von Bayern, mit einer Tochter Josephs I. verheiratet, beanspruchte Böhmen und marschierte mit einem französisch-bayrischen Heer dort ein; in Prag huldigten ihm ein Teil des Adels als neuem König. August II. von Sachsen, verheiratet mit der zweiten Tochter Josephs I., verlangte Mähren und Oberschlesien als Landbrücke zu Polen, dessen König er zugleich war. Auch der Preußenkönig griff in die Kämpfe an der Seite der Feinde Österreichs wieder ein. Böhmen und Mähren wurden zum heiß umstrittenen Kriegsschauplatz.

Die Treue der Ungarn und militärische Erfolge gegen die französische Armee verhinderten den Vormarsch der Alliierten auf Wien. Das Kriegsglück wandte sich vollends, als Friedrich II. über britische Vermittlung sich den Raub des größten Teils Schlesiens und der Grafschaft Glatz durch einen Friedensschluss sicherte, der Österreich mit Teschen, Bielitz, Troppau und Jägerndorf nur ein Siebentel der reichen Provinz beließ. Die vier Jahrhunderte währende Zugehörigkeit Schlesiens zur böhmischen Krone war damit beendet, auch im Siebenjährigen Krieg gelang es Maria Theresia nicht, das Land zurückzugewinnen. Der Verlust Schlesiens war auch insofern eine für die weitere Entwicklung bedeutsame - damals freilich noch gar nicht absehbare - Weichenstellung, als dadurch das Überwiegen des deutschen Elements im Gesamtbereich der Länder der böhmischen Krone verloren ging.

Anfang 1743 wurden die Bayern und Franzosen aus Prag vertrieben. Maria Theresia, nun ohne Einschränkung als Königin Böhmens anerkannt, verhinderte die Vollstreckung harter Urteile gegen adelige Kollaborateure, wie sie eine Untersuchungskommission vorsah. Durch diese Versöhnungsgeste hoffte sie, Zustimmung für die umfassenden Reformen zu finden, die - zu jenem Zeitpunkt noch in der Hoffnung, Schlesien zurückzugewinnen - nun rasch durchgeführt werden sollten. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 15. /16. 9. 2001)

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