Griff Wallenstein nach der Königskrone?

14. September 2001, 21:13
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Der böhmische Adelige Wallenstein schien dem Kaiser die Macht über das Reich zu gewinnen; seine Ermordung veränderte vollends das böhmische Machtgefüge

Albrecht von Wallenstein, geboren 1583, aus der böhmischen, vor Jahrhunderten eingewanderten, aber längst tschechischen Adelsfamilie Waldstein, erlebte eine für die konfessionelle Zerrissenheit der Zeit typische Jugend. Als Protestant getauft, wurde er, Vollwaise geworden, von seinem Onkel Kavka von Rican 15-jährig in ein Jesuitenkonvikt gesteckt und konvertierte dort. Im Kriegsdienst für Kaiser Rudolf II. gegen Türken und Venezianer Oberst geworden, heiratete er eine reiche Witwe, die ihm zu seinem böhmischen Erbe große Güter in Mähren hinterließ. 1618 schloss er sich nicht dem Ständeaufstand an, sondern beteiligte sich an dessen Niederwerfung; die Truppe, die er anführte, zahlte er aus eigener Kasse.

Bei den Kriegszügen außer Landes hatte Wallenstein die Gunst des damaligen Kronprinzen Ferdinand gewonnen, der auch seine zweite Heirat, mit einer Gräfin Harrach, vermittelte. Nunmehr stand der zum Kaiser gewordene Ferdinand wegen Wallensteins militärischer Unterstützung in seiner Schuld, die mit einem gewaltigen Ländereienkomplex bei der Umverteilung der konfiszierten Adelsgüter beglichen wurde. Der Kaiser erhob ihn zum Herzog von Friedland/Frydlant (im nordböhmischen Grenzgebiet); schon damals zeichnete sich Wallensteins Streben ab, sein Land zum selbstständigen Fürstentum zu machen - bald aber stiegen seine Ambitionen weit höher.

Dem durch das Eingreifen der Dänen in Bedrängnis geratenen Ferdinand II. bot Wallenstein ein auf eigene Kosten besoldetes Heer von 20.000 Mann gegen die Gewährung unbeschränkter Vollmachten als dessen Anführer und Verwalter eroberter feindlicher Gebiete an. Zum Generalissimus ernannt, erwies er sich als genialer militärischer Organisator, der zugleich dafür sorgte, dass ihm die Ressourcen in den von ihm besetzten Regionen nicht durch undisziplinierte Ausplünderung (wie damals üblich) ausgingen. Binnen zweier Jahre hatte Wallenstein die Dänen vertrieben und fast ganz Norddeutschland erobert - der Kaiser belehnte ihn mit Mecklenburg und ernannte ihn zum Admiral des Baltischen und Ozeanischen Meeres, plante doch Wallenstein, mit einer Flotte auch Holland niederzuwerfen.

Zum Unterschied vom Kaiser war Wallensteins Anliegen nicht so sehr die Wiederherstellung des Katholizismus; er dachte moderner: Das zerrissene Heilige Römische Reich sollte einer unbeschränkten kaiserlichen Militärherrschaft unterstellt werden. Das war keineswegs nach dem Geschmack auch der katholischen Reichsfürsten. Der religiöse Fanatiker Ferdinand II. folgte den Einflüsterungen seiner spanischen und jesuitischen Ratgeber und erließ das Restitutionsedikt, wonach alle Fürsten, die sich Kirchengut angeeignet hatten - und das waren mit den Bistümern ja sehr große Ländereien - diese herausgeben sollten. Dagegen war nicht nur der zwar protestantische, aber noch loyale Kurfürst von Sachsen, sondern auch Wallenstein, der offenbar den politischen Weitblick besaß, dass dies den Krieg verlängern würde. Der Generalissimus wurde 1630 entlassen, er zog sich gekränkt in seine fürstliche Residenz Gitschin zurück.

Schon aber hatte Schwedens Gustav Adolf in den Krieg eingegriffen, vertrieb die Kaiserlichen aus Norddeutschland und stieß siegreich bis Bayern vor. Auch in Böhmen fiel eine Armee unter dem Aufstandsführer von 1618 und nunmehrigen schwedischen General Graf Thurn ein und besetzte Prag. Schon nützten viele Emigranten hoffnungsfroh die Situation für eine Rückkehr in die Heimat.

Eben noch auf dem Gipfel seiner Macht, musste Ferdinand erneut Wallenstein um Hilfe bitten. Der Herzog von Friedland stampfte eine 50.000-Mann-Armee aus dem Boden und rang dem Kaiser große Zugeständnisse ab, unter anderem Verzicht auf das Restitutionsedikt, alleinigen Oberbefehl über alle Truppen des Reichs, Österreichs und Spaniens und Belehnung mit einem anderen Reichsfürstentum für das den Protestanten zurückzugebende Mecklenburg. Im Lauf des Jahres 1632 verdrängte Wallenstein die Schweden aus Sachsen und Böhmen (stolz meldete er nach Wien: "Böhmen ist liberirt"). Gustav Adolf fiel in der Schlacht bei Lützen.

Der sich unentbehrlich fühlende Wallenstein versuchte nun, Politik auf eigene Faust zu treiben. Die Erfahrungen mit dem "Dank vom Hause Österreich" mögen dazu beigetragen haben, dass er dabei, ohne sich seinem Herrn noch bedingungslos verpflichtet zu fühlen, auf eigenen Machtzuwachs bedacht war. In geheimen Verhandlungen mit Frankreich, das, obwohl katholisch, ein Bündnis mit Schweden schloss, wurde von dieser Seite angedeutet, dass der Generalissimus als neuer König von Böhmen willkommen wäre. Er ging auf dieses Angebot nicht ein, aber der Vorschlag dürfte seinen Ehrgeiz nicht ruhen gelassen haben.

Als sich Wallenstein weigerte, trotz kaiserlichen Befehls den bedrängten Bayern zu Hilfe zu kommen, und mit seinen erschöpften Truppen Winterquartier in Böhmen bezog, verlangten seine Feinde am Wiener Hof seine Entlassung, ja eine Hochverratsanklage.

Schließlich gab Ferdinand II. dem Drängen der katholischen Partei nach. In Pilsen erreichte Wallenstein ein kaiserliches Patent, das ihn des Verrats zieh und seine Offiziere von ihrem Eid entband; Wallenstein flüchtete nach Eger. Offensichtlich wollte er sich mit den letzten Getreuen zu den Sachsen durchschlagen. Am 25. Februar 1634 drangen Dragoner in das Bürgerhaus ein, in dem er übernachten wollte, und ermordeten ihn. Wenn Wallenstein in den letzten Jahren tatsächlich einen Anlauf auf ein Reichsfürstentum Böhmen versucht hatte, so endete dies jedenfalls in der Blutnacht von Eger mit dem Sieg des habsburgischen Absolutismus.

Das zeigte sich sofort nach Wallensteins Tod: Er führte zu einer zweiten großen Welle der Umverteilung der Adelsgüter in Böhmen. Mit dem reichen Landbesitz des Friedländers wurden zunächst jene aus seinem Stab belohnt, die von ihm abgefallen waren und sich gegen ihn verschworen hatten: Gallas, Piccolomini, Colloredo, Aldringen und die Offiziere, die die Bluttat begangen hatten. Weitere Adelsfamilien, die nun zum Zug kamen, waren z. B. die Sporck, Clam, Collalto, Coudenhove-Calerghi, Serenyi; sie wieder ebneten den Weg nach Böhmen für die Auersperg, Berchtold, Fürstenberg, Haugwitz, Herberstein, Hohenlohe, Khevenhüller, Larisch, Rohan, Schönborn, Schönburg und andere, deren Namen sich wie eine Liste der Wiener Palais liest (viel später, erst Anfang des 18. Jahrhunderts, kam Ferdinand Fürst Schwarzenberg hinzu - der übrigens von Kaiser Karl VI. versehentlich auf der Jagd in Böhmen erschossen wurde).

Die Neuankömmlinge verschmolzen rasch mit den verbliebenen alten hochadeligen Familien wie den Sternberg, Lobkowitz, Czernin, Kinsky, Martinic, Slavata, Kolowrat, Waldstein - die Zahl der Herrenstandsfamilien war am Ende des Dreißigjährigen Krieges von 194 auf 297 angewachsen. In eben dem Ausmaß freilich waren die alten Mitsprachemöglichkeiten der Stände verloren gegangen.

Und auch der Krieg verschonte nun Böhmen nicht mehr. Das Land wurde in dreimaligen Einfällen schwedischer Truppen verheert, wobei es für die bäuerliche Bevölkerung, aber auch für die Bürger eroberter Städte fast gleichgültig war, ob die "eigenen" oder die fremden Söldnertruppen sie ausplünderten, marterten und massakrierten. Wenn die Schweden im Vormarsch waren, hofften die böhmischen Emigranten auf eine Möglichkeit für ihre Rückkehr in die Heimat oder versuchten sie tatsächlich.

In den Friedensverhandlungen in Westfalen setzte sich die protestantische Seite für eine solche Regelung ein, doch wurde sie vom Kaiser strikt abgelehnt. Hingegen musste Ferdinand III. (der seinem gleichnamigen Vater 1637 gefolgt war) endgültig auf eine große und wohlhabende Provinz der böhmischen Krone verzichten: Die Lausitz, ursprünglich nur verpfändet, um Sachsen aus dem Krieg herauszuhalten, war nun endgültig verloren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.9.2001)

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