Korrekturen, Positionierungen und Überbietungsgesten

31. August 2001, 21:31
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Peter Sloterdijks als Interview getarnter Werkkommentar

Der philosophische Bestseller-Autor Peter Sloterdijk mutet seinen Lesern einiges zu, wenn er sie - wie zuletzt mit seinem Sphären-Projekt - zu einem ausgedehnten Grenzgang zwischen Philosophie, Psychoanalyse und Kulturwissenschaften einlädt. Seine Texte erfordern undogmatische Leser, die bereit sind, sich auf eine Ausdrucksweise einzulassen, die zwischen Wissenschaft und Poesie changiert. Wer dies tut, wird mit fruchtbaren Diskurserweiterungen konfrontiert. Wer sich dennoch vor solcher Lektüre scheut, kann jetzt in diesem Gesprächsband nachlesen, welche Korrekturen der Autor an den Debatten, die seine Texte auslösen, anzubringen hat.

Allerdings stellen sich auch manche Verständnisschwierigkeiten ein. Im Gespräch über sein Werk gesteht der Autor dies unumwunden ein: Als eine Archäologie des Intimen fand seine dreibändige Sphärologie nicht ohne Skrupel zur publizierten Form. Mehrfach habe er überlegt, den Text als Roman zu präsentieren, und streckenweise ist die gewählte Diskursform ja nicht weit davon entfernt. Dennoch mochte der Autor letztlich nicht darauf verzichten, mit einem argumentativen Unternehmen "an der Spitze der Geltungspyramide von Wahrheitsspielen seine Rolle mitzuspielen". Es ist diese selbstbewusste, manchmal geradezu hohepriesterlich gestimmte Positionierung, die den Kritikern Sloterdijks sauer aufstößt und dafür sorgt, dass ihm meist schon auf der nicht argumentativen Ebene mit heftigem Widerstand begegnet wird.

Es ist aber auch ein Philosophieren, dem sie den Mangel an Argumenten nachsagen, vielleicht weil die genormte Diskursproduktion der Akademiker üblicherweise jede kreative Ausdrucksweise mit dem Bann mangelnder Stringenz belegt. Sie werden vom Erfolgsautor Sloterdijk mit dem Verdikt "berufsmäßige Herunterholer einer Klassen- und Depressionsgesellschaft" belegt, und voller Verachtung blickt er auf die philosophische Professorenschaft, die es sich in der ökologischen Nische der Universität gemütlich gemacht habe wie Sommergäste in der Vollpension.

Klar, dass dem "lyrischen Extremismus" seiner angestrebten Metaphysik des Schwebens daran liegt, die Wahl zwischen Philosophie und Poesie als eine Zumutung abzuwehren. Seltsam aber und manchmal geradezu pathetisch mutet es an, wenn der doppelte Universitätsprofessor Sloterdijk (Karlsruhe und Wien) sich zum Außenseiter eines Systems stilisiert, in das er selbst bestens integriert ist und dessen Regeln er musterhaft befolgt - gerade auch als Autor, der durch bereitwillige Selbstauskunft eine Flucht nach vorn antritt und sich damit immer wieder in Überbietungsgesten übt.

Also erfahren die Leser endgültig, wie Sloterdijk über Habermas denkt, und fühlen sich möglicherweise düpiert, weil sie entgegen anders lautenden Gerüchten wohl so weit selber denken können, dass sie zumindest ahnen dürften, wie nach den medialen Inszenierungen zur Menschenpark-Rede der jüngere Leithammel zum älteren steht. Und es ist schade, dass Sloterdijk dem, was er kritisiert, im Habitus selbst immer wieder zu nahe kommt. Denn als innovativer Geist, der er ist, lohnt die Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Impulsen wesentlich mehr.

Sloterdijk fragt nach möglichen Veränderungen jenseits aller philosophischen Emanzipationsromantik. Dazu werden die Quellen und Motive der Theorietradition vergegenwärtigt - eine Vergegenwärtigung, in der das Motiv einer Neubestimmung des Ausgangspunktes steckt: des Zur Welt Kommens, um die Theorie der Moderne jenseits eingespielter Fixierungen neu zu schreiben. Deshalb beginnt seine Sphärologie bei der Intimität, bei der vor-subjektiven Konstitution im intrauterinen Zustand (Band 1: Blasen), um in einer nicht immer angenehmen "Hybridsprache" die Atmosphären zu thematisieren, in denen Menschen und Gobalisierungs-Kulturen sich bewegen (Band 2: Globen). Als Abschluss kündigt sich eine neue Formbestimmung an, die von den Elementarteilchen zur Beschreibung von Raumvielheiten vorstößt: über eine Virtualisierung des Raums, wo Entwertungs- und Enttäuschungsunternehmen in überschießende Sinnproduktionen ohne feste Form münden (Band 3: Schäume).

Dass und wie über dieses Projekt ausführlich gesprochen wird, darin liegt die Qualität dieses als Interview getarnten Werkkommentars. Man kann darin den Verästelungen eines Denkens folgen, das sich weit weniger aufgeregt gibt als die mediale Debatte um einzelne Aspekte oder Formulierungen daraus es vermuten ließen. Das betrifft neben der Konstitution von Subjektivität insbesondere Fragen der Medialität und Fragen der Technik. Man könnte auch sagen: die Spannung, die sich daraus ergibt, dass hier jemand die Wahrnehmungsverluste einer modernen Wissenschaft nicht in einem Kompensationsunternehmen zu überwinden versucht, sondern sie mit ihrem eigenen Verdrängten konfrontiert.

Nach der Moderne, am Ende des cartesianischen Projekts, droht wiederum eine Verdrängung der Einsicht, dass das philosophische Megaprojekt "Weltseele" gescheitert ist. Mit dem Impetus einer "generalisierten therapeutischen Sorge" beugt sich dieser Philosoph nun - Nietzsches nicht unproblematische Definition vom "Arzt der Kultur" eingedenkend - über den maroden Gesellschaftskörper, um diesem in homöopathischen Dosen die Einsicht zu verabreichen, dass mit humanistischen Souveränitätsillusionen allein sich die Zukunft nicht denken lässt. Es lohnt sich die Einlassung darauf, Moralisten gibt es schließlich genug.
(Von Frank Hartmann - DER STANDARD, Album,1.09.2001)

Peter Sloterdijk, Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne und der Tod. Dialogische Untersuchungen. öS 277,-/ EURO20,15/ 370 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001.
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