Die Siedlungsfalle ist zugeschnappt

22. August 2001, 18:38
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Drei Viertel der Israelis sind für eine Abtrennung der Autonomen Gebiete

Jerusalem/Wien - Seit Montag ist es fix, dass die Zentrumspartei von Dan Meridor in die Regenbogenkoalition von Ariel Sharon einsteigen wird; er und sein Parteikollege Roni Milo, beide unter Benjamin Netanyahu vom Likud abgesprungen, werden Ministerämter erhalten. Mit Meridor holt Sharon einen Verfechter einer unilateralen Trennung von den Palästinensern ins Kabinett, eine Idee, die mit jedem Terrortoten in Israel mehr Rückhalt erhält - bei Umfragen sprachen sich drei Viertel der Befragten dafür aus. Eine Idee allerdings auch, die zuletzt Yoel Marcus in Ha’aretz einem "Spatzenhirn entsprungen" bezeichnete.

Und gegen die sich auch Sharon wehrt. Ein Blick auf die Karte genügt, um zu verstehen, warum: Zirka 50.000 der 200.000 jüdischen Siedler im Westjordanland leben abseits von größeren Siedlungsblöcken; ohne Aufgabe von Siedlungen - die Sharon politisch und ideologisch gegen den Strich gehen würde - wäre eine Trennung praktisch nicht machbar. Sharon ist nicht nur dagegen, weil er sich den Zorn der Siedler zuziehen würde, sondern auch, weil die Räumung und womöglich Überlassung der leeren Siedlungen (es gibt aber auch das Zerstörungsszenario) auch noch wie eine Prämierung der Intifada aussehen würde.

Auch im linken Lager hat die Idee - 700 km Mauern, elektrische Zäune, Überwachungskameras etc. rund um Israel - ihre Anhänger, wenn auch unter anderen Voraussetzungen, nämlich allein aus Sicherheits- und Deeskalationsgründen und ohne spätere territoriale Verhandlungen auszuschließen - während ihre rechten Kollegen am liebsten territoriale Tatsachen schaffen würden, die wahrscheinlich für die Palästinenser nichts Gutes bedeuten würden. Anders Yossi Sarid von Meretz, der die Siedler "auf der israelischen Seite sammeln oder, wenn es nach mir geht, draußen lassen" will.

"Trennung verhindern"

Aber genau das ist politisch natürlich nicht denkbar: "Wenn Israel die Stärke hätte, Siedlungen aufzugeben und die 1967er-Grenze nachzuziehen, würde es ein Abkommen geben" - und niemand bräuchte eine unilaterale Trennung, schreibt Marcus. Aber "diejenigen, die die Karte der Gebiete so geschaffen haben, wollten ja eine Trennung verhindern". Die Falle ist zugeschnappt.

Für die Palästinenser wäre eine rasche Trennung ein wirtschaftlicher Albtraum, mit oder ohne Intifada: Nicht nur, dass Palästinenser auf ihre Arbeit in Israel angewiesen sind, auch die gesamte palästinensische Wirtschaft, Export (94 Prozent) und Import (84 Prozent), existiert nur im israelischen Kontext. Infrastrukturell - Strom, Wasser, Telefon - sind die Palästinenser ohnehin auf Israel angewiesen. Israel hingegen könnte palästinensische Arbeitskraft ohne gröbere Schwierigkeiten mit asiatischer austauschen (dieser Prozess hat längst begonnen), nur als kurzfristige Erntearbeiter würden die Palästinenser fehlen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 23.8.2001)

von Gudrun Harrer

Die Idee einer unilateralen Separation Israels von den Palästinensern ist nicht neu: Gleich nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 gab es Pläne, verteidigbare Grenzen festzulegen und sich aus dem Rest der eroberten Palästinensergebiete zurückzuziehen. Heute sind drei Viertel der Israelis für eine Trennung.
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