"Es gehört sich nicht mehr, bi-nationale Projekte zu fördern"

22. August 2001, 14:03
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Von Frauen geleitetes hebräisch-arabisches Kindermagazin kämpft ums Überleben

Tel Aviv - Ganz in der Nähe einer belebten Einkaufsstraße im Zentrum von Tel Aviv hat eine ungewöhnliche Redaktion ihr kleines Büro aufgeschlagen. In einem dürftig eingerichteten Büro, zwischen Kisten, die mit Lebensmitteln gefüllt sind, redigieren zwei junge Israelinnen Texte, die von palästinensischen und israelischen Kindern per E-Mail eingeschickt wurden. Hier entsteht das Magazin "Chalonot" (Fenster). Die Zielgruppe: Israelische Kinder, palästinensische aus den Selbstverwaltungsgebieten und Kinder von Angehörigen der arabischen Minderheit in Israel, im Alter zwischen acht und 15 Jahren.

Vorrangiges Ziel des Magazins, das in Arabisch und Hebräisch erscheint, ist es, Vorurteile und Stereotype abzubauen. Doch dies ist alles andere als einfach in einer Zeit, in der der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis keinen Platz mehr für Annäherung und Verständnis erlaubt. "Meine Freunde und Freundinnen, die bis vor der Intifada alle eher zum linken 'Frieden jetzt'-Lager gehörten, können alle nicht verstehen, wieso ich hier noch mitmache", sagt Sharon, eine der jungen Israelinnen. Auch die Gründerin des Magazins, Ruthie Azmon, kennt die KritikerInnen, die nicht weniger werden. "Um ein israelisch-palästinensisches Projekt in diesen Zeiten aufrechtzuerhalten, muss man schon ein dickes Fell haben", meint die rothaarige Israelin.

Interesse an der Zeitschrift bleibt bestehen

Das Interesse an dem Magazin, dessen arabischer Titel "Shabalik" lautet, hat sich dennoch kaum verringert. Nur wenige Schulen, Bibliotheken und private Abonnenten haben das Magazin seit dem Beginn der Intifada abbestellt. Etwa 5000 Kopien werden pro Ausgabe kostenlos verteilt - in Zeiten der Intifada werden die Ausgaben für die palästinensische Seite mit Lebensmittel und Kleiderkonvois mitgeschickt. "Vor dem Ausbruch der Intifada hatten wir versucht, auch solche Familien zu erreichen, die nicht unbedingt zum Friedenscamp gehören. Davon können wir jetzt nur träumen", sagt Azmon.

Zusammenarbeit in Work-Shops nicht mehr möglich

Vor dem Ausbruch der Intifada entstanden die Ausgaben des Magazins durch die konkrete Zusammenarbeit in Work-Shops mit palästinensischen und israelischen Kindern. Heute ist dies nicht mehr möglich. Israelis können nicht mehr in die Autonomiegebiete, Palästinenser nicht mehr nach Israel reisen. Alles muss mühsam über E-Mail und Telefon koordiniert werden. Treffen mit den palästinensischen PartnerInnen finden an den Check-Points statt. "Ein surreales Erlebnis", meint die Amerikanerin Rachel Smith, die während des Sommers in der Redaktion mithilft. "Man sitzt in der Hitze, umrahmt von Soldaten und spricht über israelisch-palästinensische Zusammenarbeit. Gleichzeitig sieht man, wie Palästinenser zurückgeschickt werden oder stundenlang warten müssen, bis die Soldaten den Sicherheitscheck durchgeführt haben. Und das alles eine Autostunde von Tel Aviv entfernt."

"Fenster" erschien erstmals 1995

"Fenster" ist ein Kind der ersten Intifada 1987. "Damals hatte ich die Idee, gemeinsam mit israelischen und palästinensischen Freunden, etwas zu kreieren, das unseren Kindern eine gemeinsame Zukunft möglich macht", erinnert sich Azmon. Eine Kinderzeitung aus Südafrika, von Kindern verschiedener ethnischer Gruppen gemacht, diente als Beispiel. 1995 schließlich erblickte die erste Ausgabe von "Fenster" das Licht der Welt, knapp zwei Jahre nachdem Yasser Arafat und Yitzhak Rabin in Washington den Grundlagenvertrag unterzeichneten. "Jeder sagte 'wie wundervoll'. Besonders die Palästinenser waren begeistert. Hier herrschte ja die absolute Friedensstimmung", erinnert sich Ruthie Azmon.

GeldgeberInnen für ein solches Projekt zu finden war damals schon nicht einfach. Jedoch gehörte es schon fast zum guten Ton von Stiftungen, bi-nationale Projekte zu fördern. Heute ist dies nicht mehr so. Das Magazin erhält zwar noch Geld von einer deutschen Stiftung, aber es langt hinten und vorne nicht, und die Ausgaben erscheinen unregelmäßig. Doch die Redaktion will sich nicht unterkriegen lassen, versichert Ruthie Azmon: "Gerade in schwierigen Zeiten muss man weitermachen, um Ängste zu beseitigen, um dem Anderen, dem Fremden, ein Gesicht zu geben. Es wird keine politische Veränderung geben, ohne dass sich Palästinenser und Israelis besser kennen lernen." (dpa/red)

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