Das Unbequeme und das Unerhörte

20. August 2001, 21:42
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Konzertdoppel bei den Festspielen

Salzburg - Im Staccato der Musiktheaterpremieren drohen die Konzerte ein wenig in den Hintergrund zu rücken. Dabei provozieren Solisten wie Daniel Barenboim oder ein junges Ensemble wie die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit ungewöhnlichen Programmen nicht weniger die Debattierfreudigkeit als eine gewagte Bühnenverfügung. Aber in einem Klima der angeregten Friedfertigkeit.

Barenboim erkundete und erschloss im Großen Haus mit den beiden hochexpressiven, farbigen, pianistisch anspruchsvollen Iberia-Suiten von Isaac Albeniz eine Welt der melodisch-rhythmischen Überhöhung, der Drastik und der folkloristischen Fußnoten, während das erstarkte Kammerorchester in den Weiten und in den Verborgenheiten des Violinkonzerts von Sibelius das finnische Element zum Glosen brachte.

Fehlende Durchschlagskraft des "Edelroutiniers"

Barenboim hatte seine Matinee mit einer sehr beredt, mit vielen Manier- und Zierlichkeiten flink und kantabel angelegten Mozart-Sonate begonnen (KV 330), danach in Beethovens Appassionata das schöne Genormte mit dem Wüten so kultiviert in Balance gehalten, dass die Eskalationen der beiden Rahmensätze vergleichsweise züchtig wirkten. Hier fehlte es diesem Edelroutinier etwas an hauptberuflicher Durchschlagskraft. Dennoch getraue ich mir keinen klavierkonzertierenden Dirigenten namhaft zu machen, der zwischen seinen großen Opern- und Sinfonikauftritten so konzentriert für die vertrackten Stücke Albeniz' streiten könnte.

Grosse Talente Mullova und Harding - nicht erst auf den zweiten Hörblick

Viktoria Mullova warb im Sibelius-Violinkonzert für ein überschlankes, fast nüchternes Klang- und Bewegungsmuster, einsilbig im Detail, intensiv in der Folgerichtigkeit ihrer Argumente. Daniel Harding - gerade einmal 26 Jahre und in all seinem flammenden, gestisch ausufernden Bemühen ein großes Talent nicht erst auf den zweiten Hörblick -, Harding umzüngelte die Solistin mit seinen feuerzauberisch intonierenden Bremern wie weiland Wotan seine auf Felsenöde verbannte Brünnhilde.

Für das Sibelius-Konzert eine ungewöhnliche Konstellation der Temperamente, die an den Energiegewinn aus einer Kälte-Wärme-Kupplung denken ließ. Mit der ganz selten zu hörenden, in sich vielgestaltigen Streichersonate von Henze und der Dritten von Brahms machten sich Harding und seine Instrumentalisten um das unbequeme Unerhörte ebenso verdient wie um das angenehme Vertraute.

Es ist eine echte Leidenschaft des Auskundschaften, die diesen Dirigenten kennzeichnet.
(coss/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 8. 2001)

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