Die Welt eine Pflaume

20. August 2001, 10:40
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Ein Erfolg in Gmunden: "Die Rosen der Einöde" inszeniert von Hans Gratzer

Gmunden - Es soll mir niemand erzählen, dass die wirklich interessanten Dinge zu dieser Jahreszeit ausschließlich in den kulturellen Hot-Spots Bayreuth und Salzburg zu erleben sind.

Kein Geringerer als Hans Gratzer setzte bei den Festwochen Gmunden die rosen der einöde in Szene, es passierte zum ersten Mal in diesem Land überhaupt, und die Sache war einfach formidabel! Die Optik zum Beispiel: Zentral im Hintergrund postierte Christoph Speich ein fünfteiliges Farbtableau, davor trugen drei karge Fichtenholzstege die Aktionen der Sänger; Barbara Naujok kleidete diese wie auch die Musiker in klösterlich-wallendes Weiß. Sehr schön anzuschauen erst einmal, sehr klug natürlich auch:

Die äußerste Reduktion des Textes wie der Musik fand so ihre ästhetisch adäquate Entsprechung. Ende der 50er-Jahre, also lang, lang vor dem großen amikalen Schisma, hatten Gerhard Lampersberg und Thomas Bernhard diese Kurzoper verfasst, der Text sollte "die äußerste Konzentration von Gedankengängen und Situationen" darstellen, so Bernhard, und die Musik Lampersbergs sollte es dem Text wenn möglich gleich tun. Das tut sie auch.

Emotionssplitter

Virtuos verwebt Lampersberg die drei Klangebenen Solisten, Chor und Orchester, submarin-filigrane Phantasmagorien wechseln mit hochdramatischen Kanonaden letaler Emotionssplitter; die enorm engagierte Leistung der Musiker und Sänger unter der Leitung von Kirill Karabits berührte und begeisterte.

Interessant: Neben den zentralen Bernhardinischen Kälte-, Isolations- und Erstickungsmotiven ist in dem Stück auch die Sehnsucht nach Licht und Wärme herzzerbrechend schön artikuliert: "wir wollen die welt/sehen/ die rosen/alles", heißt es etwa im ersten Satz, oder im dritten: "die welt/müsste/rund/ sein/sie müsste schmecken/ wie eine pflaume."

Das im Schauspielhaus erprobte Duo Martin Haselböck und Hans Gratzer hat die Partitur in einer Verlagsarchivskiste ausgegraben. Sie sind für diese Tat zu loben: die rosen der einöde taugen allemal zum Klassiker der österreichischen Moderne.

Bleibt nur zu hoffen, dass das Stück auch bald in Wien zu sehen sein wird.
(end/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 8. 2001)

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