Das Märchen vom Sophiensaal

17. August 2001, 19:28
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"Ungenügende Feuersicherheit" hätte schon Kaiser Franz Joseph davon abgehalten, einen der großen Bälle in Wiens "Hohefestsaal" zu besuchen, schrieb der Romancier Joseph Roth unter dem Pseudonym "Josephus" 1919 in einem Feuilleton für die Zeitung "Der Neue Tag".

Märchen ereignen sich mitten im Getriebe des Werktags der grauen Nüchternheit der simplen Ereignisse. Die Geschichte des Sophiensaals könnte auch ganz gut wie ein Märchen beginnen: Es war einmal . . .

Also: Es war einmal ein Festsaal, der war wie ein Gedicht oder, noch besser, der Saal der Säle, der Hohefestsaal. Er strahlte im tausendfältigen Glanze der Lichter, und auf seinen Parkettböden wirbelten die zartesten weißen Halbstiefelchen an zartesten weißen Damenfüßchen. Es gab keinen vornehmen Ball, der nicht in jenem herrlichsten aller Säle stattgefunden hätte, und Prinzen und Fürsten und sonstige Märchen-oder Kinodramenpersönlichkeiten waren seine gewohnten Besucher. Und was das Märchenhafteste war: Dieser Festsaal war eigentlich gar kein Festsaal. Nein! Er war - eine Badeanstalt. Eine zwar nicht ganz einfache, aber immerhin: eine Badeanstalt. Natürlich nur im nüchternen Schein des sommerlichen Alltags. Alljährlich aber kam Prinz Karneval dahergeritten, klopfte mit seinem Glockenstäbchen dreimal an das Tor der Sophiensäle, und plötzlich trocknete das Bassin vollkommen aus, wie seinerzeit das selige Rote Meer, und siehe da: Am Grunde des vertrockneten Sees leuchteten und lockten die bestgewichsten Parkettböden. Da ward aus der Badeanstalt plötzlich ein Ballpalast. Die vornehmsten Wiener Bälle wurden dort veranstaltet. Das allerfeinste Publikum - es war noch zu jener Zeit, da es ein feines Publikum gab - bewegte sich in seinen Räumen mit gemessener Grazie und stilvoller Eleganz.

Aber einen Schmerz noch konnte der Ballpalast nicht verwinden: Da gab es einen alten Kaiser namens Franz Joseph, dessen Höflinge behaupteten, der Sophiensaal, der herrlichste aller Ballsäle, der Hohefestsaal, das Gedicht von einem Festsaal, besäße nicht die genügende "Feuersicherheit". Denn Hofmenschen sind böse Leute und trockene Patrone und haben nichts anderes zu tun, als bei einem Ballpalast nach - Feuersicherheit zu fragen. Also ließen sie den alten Kaiser nicht hingehen, und der Sophiensaal war sehr traurig über seine Hofunfähigkeit . . .

Dennoch geschah einmal ein Wunder; und der alte Kaiser kam. Es geschah aus Anlass der dritten internationalen Kochkunstausstellung. Da war der gute Sophiensaal getröstet und feierte wieder seine heiteren Feste.

Majestät mit Humor

Aber da nun einmal das Glück alles Schönen und Guten auf Erden nicht vollkommen sein kann, musste es sich der Sophiensaal gefallen lassen, dass sich just in seinen Räumen eine tragikomische Geschichte ereignete:

Franz Joseph war wieder einmal in den Sophiensaal gekommen, zu einem Fest, das kaufmännische Kreise veranstaltet hatten. Ein Herr vom Komitee hatte die ebenso ehrenvolle wie schwierige Aufgabe, die Anwesenden dem Kaiser vorzustellen. Der gute Mann entledigte sich seiner Arbeit mit so viel Anstand, dass er einem Anstand nicht entgehen konnte. Er stellte nämlich der Reihe nach alle Persönlichkeiten folgendermaßen vor: "Herr Damian Zipfl - Se. Majestät, der Kaiser; Herr Moritz Kohl - Se. Majestät, der Kaiser; Herr Valentin Täuberich - Se. Majestät, der Kaiser" und so fort in nicht enden wollender Folge. Aber selbst ein Kaiser kann ungeduldig werden, und da Franz Joseph zu jener Zeit noch ein gut Stück Humor gehabt haben dürfte, ließ sich die so oft wiedergekaute Majestät etwa folgendermaßen vernehmen: "Es wird schon genug sein! Nennen Sie mir nur die Herren. Ich glaube, mich dürften doch die meisten schon kennen . . ."

Kampfer und Jodoform

Solche und ähnliche Geschichten erlebte der Sophiensaal in reicher Folge. Bis plötzlich die böse Konkurrenz des Konzerthaussaales auftauchte und den Glanz der Sophiensäle um ein Beträchtliches herabminderte. Da nun aber gar der Krieg ins Land zog, da war es mit aller Pracht vorbei: Der Sophiensaal wurde ein simples Rekonvaleszentenheim. In seinen Räumen roch es nach Kampfer und Jodoform, und statt der Walzerklänge flatterten irre Seufzer kranker Menschen durch alle Winkel des Palastes . . .

Nun meldet ein trockener Aktiengesellschaftsbericht: Bei der am 30. v. M. abgehaltenen 78. Generalversammlung unter dem Vorsitze des Präsidenten Oberbaurates Ferdinand Dehm waren 479 Aktien und 95 Stimmen vertreten. Das Objekt wird im Herbst dieses Jahres seiner alten Bestimmung zugeführt. Der Verlust von 49.971 Kronen 47 Heller wird auf neue Rechnung vorgetragen. Also schließt das Märchen vom Sophiensaal mit einem schönen Ausblick. Man könnte ganz gut enden: Es wird einmal . . . (DER STANDARD, Print, 18.8.2001)

Aus dem Band: Joseph Roth - Kaffeehausfrühling. Ein Wien-Lesebuch, herausgegeben von Helmut Peschina, Verlag Kiepenheuer & Witsch 2001
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