Über 50 Todesfälle in Verbindung mit dem Medikament Lipobay

13. August 2001, 15:09
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Hersteller Bayer hat zwei Erklärungenn für 50 Todesfälle - Experten warnten seit Monaten

Leverkusen/Bremen - Experten warnten angeblich schon vor Monaten - mit dem Cholesterin-Senkungsmittel Lipobay werden mehr Todesfälle in Verbindung gebracht als bisher angenommen. Dem Bayer-Konzern seien weltweit 52 Todesfälle bekannt, die in Verbindung mit dem in der Vorwoche vom Markt genommenen Mittel stehen könnten, sagte der Leiter des Bayer-Geschäftsbereichs Pharma, David Ebsworth, am Montag in Leverkusen. Wie das Unternehmen weiter mitteilte, ist offen, ob das Medikament jemals wieder verkauft wird.

Verkaufsstopp

Bayer hatte am Mittwoch den Verkauf des Medikaments gestoppt. Lipobay war bisher drittgrößter Umsatzbringer in der Medikamentensparte des Leverkusener Konzerns. Es gebe einen zeitlichen Zusammenhang zur Einnahme des Wirkstoffs Cerivastatin, ein wirklich kausaler Zusammenhang könne aber nur schwer nachgewiesen werden, sagte Ebsworth.

Der Manager wies darauf hin, dass häufig wichtige Informationen fehlen würden - etwa über andere Medikamente, die verstorbene Patienten vor ihrem Tod eingenommen hätten. Außerdem seien die behandelten Personen häufig älter gewesen und hätten auch unter anderen ernsthaften Begleiterkrankungen gelitten.

Warnungen

Experten haben nach eigener Darstellung schon seit Monaten vor den gefährlichen Nebenwirkungen von Lipobay gewarnt. Bereits im März sei im "Arznei-Telegramm" - einem Informationsdienst für Ärzte - eine entsprechende Warnung veröffentlicht worden, sagte Mitherausgeber Prof. Peter Schönhöfer, früher Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Zentralkrankenhaus Bremen, am Montag. Schönhöfer: "Es gibt gleich wirksame Cholesterin senkende Mittel mit weniger Nebenwirkungen."

Schwere Begleiterscheinungen von Arzneimitteln sind dem Pharmakologen zufolge keine Seltenheit. Insgesamt sterben nach Schönhöfers Angaben allein in Deutschland etwa doppelt so viele Menschen an Nebenwirkungen von Arzneimitteln wie im Straßenverkehr. Nach einer von Schönhöfer im Herbst 2000 veröffentlichten Studie gibt es mindestens 200.000 schwere Fälle von Medikamenten-Nebenwirkungen pro Jahr, 12.000 bis 16.000 davon enden tödlich.

Fehlende Langzeitstudien

Kritik übte Schönhöfer an fehlenden Langzeitstudien. Dies gelte nicht nur im Fall von Lipobay, sondern auch für andere Medikamente. "Bei Langzeittherapien muss man Langzeitstudien haben, und für die Zulassung keine Kurzzeitstudien zu Grunde legen." Vor allem aber müsse die Qualität der Studien auf den Nutzen für den Patienten ausgerichtet sein. "Die entscheidende Frage ist, lebt der Patient länger und in vernünftiger Form." Die Risiko/Nutzen-Abwägung müsse immer positiv für den Patienten ausfallen.

Zwei Erklärungen

Ebsworth erläuterte seinerseits, dass es für die Todesfälle im Zusammenhang mit Lipobay/Baycol nach bisherigem Stand zwei Erklärungen gebe. Zum einen hätten Ärzte das Präparat fälschlicherweise zusammen mit dem Wirkstoff Gemfibrozil verschrieben, obwohl Bayer von Anfang an in den Beipackzetteln auf ein erhöhtes Risiko von Nebenwirkungen hingewiesen habe. Später sei sogar eine Kontraindikation hinzugefügt und ein Informationsschreiben an Ärzte versandt worden. Da jedoch nicht auszuschließen gewesen sei, dass manche Ärzte an ihrer gewohnten Verordnungspraxis festhielten, habe sich der Konzern entschlossen, das Präparat vom Markt zu nehmen, um keine Patienten in Gefahr zu bringen.

Ein weiterer Grund ist Ebsworth zufolge der mitunter bestimmungswidrige Einsatz der Höchstdosis von 0,8 Milligramm als Anfangsdosis zu Beginn der Behandlung gewesen. Dies habe auch bei einer Monotherapie mit Lipobay/Baycol zu Spontanmeldungen von Todesfällen in zeitlichem Zusammenhang mit der Einnahme des Medikaments geführt. Diese Spontanmeldungen hätten jedoch nur eine begrenzte Aussagekraft. (APA)

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