Der Chor im Wortschaumbad

12. August 2001, 20:03
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Herrlich: das Attis Theater Athen mit Euripides' "Herakles" bei Art Carnuntum

Petronell - Der letzte, lärmende Sachwalter chorischer Theaterarbeit im deutschen Sprachraum starb vor kurzem den in einsamer Vollendung diskret erlittenen Herztod: Einar Schleef. Mit dem sanften, rasenden, stotternden Riesen aus den Ausläufern des Erzgebirges ist auch der letzte Statt- und "Ach!"- und Wehhalter eines genuin archaischen Theaterverständnisses aus den vernunftbetrunkenen Stadttheaterbetrieben für immer verschwunden.

Antike Chöre, diese merkwürdigen "Stücke Landschaft" (Schleef), sind zwar die unverzichtbaren Ur-Bauteile einer jeden ausgenüchterten und aufgeklärten Dramatik. Sie sind aber auch im Morast des Kultus auf ewig verschwunden: abgesunken im Schlamm der Jahrtausende, gelegentlich noch hervorgezerrt zu Sprach-Musizierzwecken oder neu belebt zur politischen Demonstration oder künstlich reanimiert zur schnöden exotischen Reizbelebung.

Merkwürdigerweise ist es das nahe Wien gelegene Wein- hauerdorf Petronell-Carnuntum mit seinen schönen Ausgrabungen aus der Römerzeit, in dem Piero Bordin allsommerlich eine Plattform für die Hydra des Chores, dieses unbekannte, vielköpfige Wesen, kostspielig unterhält. Und da wir keinen Schleef hierorts mehr haben, dürfen wir bei Theodoros Terzopoulos und dessen Attis Theater Athen in eine Art Chorschule gehen, wie sie großartiger und erhebender und beängstigender in theaterzynischen Zeiten nicht zu denken ist.


Zwei Hälften, eine Bedeutung

Zunächst scheint Der rasende Herakles des Euripides ein kurioses Stück; lose gefertigt aus zwei schwerlich zusammengehörigen Teilen, deren erster von einer Bedrohung des Herakles' verwaister Sippe durch den üblen Tyrannen Lykos handelt, während im zweiten der heimgekehrte Held und heroische Dienstleister in blinder, von Hera verhängter Raserei sein Weib und die eigenen Kinder schmählich meuchelt.

Das angehängte Ende erzählt vom Auftritt des Theseus, welcher den zerknirschten Mörder nach Athen zur Entsühnung und Schutzsuche freundlich bittet. Der Held wird zum hilflosen Kinde; und im Amphitheater Carnuntum tropft dazu eine sanfte, Michael-Nyman-hafte Musik auf die kreidestaubigen Häupter im Spiralrund, wobei Herakles (Dionysis Aktypis) eine linde Jalousie aus Plexiglasstäben schützend vorgehalten bekommt.
Doch der eigentliche Zauber dieser attischen Theaterdemonstration, die auch die Frankfurter Buchmesse 2001 (Schwerpunkt Griechenland) eröffnen soll, steckt in der Auffassung des Chores.

In graphitfarbenen Menschensäulen stöhnen und wälzen sich die neugriechisch kommentierenden Wahrsprecher dieses nicht immer ganz nachvollziehbaren Treibens; schlagen peitschende Wellenbewegungen durch die in schwarzen Brokat gehüllten Leiber der Frauen, während die Kolonne der Männer in Robert-Wilson-Posen des gestundeten Schreckens wie in Zeitlupe grässlich erstarrt.


In Terzopoulos' hellenischem, in Epidauros hervortretendem Theaterlabor herrscht keine falsche Scheu: vor Pathos, Tremolieren, Keuchen und Geifern. Die Grenzen zum Tanztheater verfließen mild. In dieser kurios wunderbaren Mythen-Maschinerie wird tatsächlich nach einer uranfänglichen, urandächtigen Verschmelzung der Leiber mit dem Text geforscht - wie nach einer aus eigener, menschlicher Schuld verloren gegangenen Mythenzauberformel.
Und so rasselt ein herrlich entkrampfendes Körpergefühl in den Zuschauern angenehm nach. Selbst die Gelsen summen erschlafft über Carnuntum, während die im Anflug auf Schwechat befindlichen Flugzeuge jeden zivilisatorischen Schrecken verlieren. Die Götter mögen sich von uns abgewandt haben. Das Echo ihrer Satzungen klingt im Tragödienton wunderbar nach.

(DER STANDARD, Print, 13.8.2001)

Ronald Pohl

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