David Grossman über Mord-Simulatoren im Wohnzimmer

6. August 2001, 13:28
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Lt. Col. David Grossman ist Experte fürs Töten. Als Ausbilder der Marines und anderer Armee- und Polizeieinheiten hat er lange Erfahrung mit psychologischen Trainingsmethoden, die helfen, die natürliche Hemmschwelle, die Menschen vom Töten abhält, zu senken. Heute lehrt er an einer amerikanischen Universität und übt heftige Kritik an den Herstellern gewalttätiger Video-Spiele, die auf den selben Tricks basieren wie das militärische Killer-Training. mymed.cc sprach mit dem streitbaren Psychologen über Gewalt, Disziplin und den verantwortungsbewussten Umgang mit elektronischen Medien

Das Interview führte Reno Barth

mymed: Lt. Col. Grossman, Sie machen gewalttätige Videospiele für die steigende Anzahl sinnloser Gewaltverbrechen in den USA verantwortlich. Wie kommen Sie zu diesem Vorwurf?

Grossman: Man kann Video-Spiele nicht für die steigende Anzahl von Gewaltverbrechen verantwortlich machen. Ebensowenig wie man Tabak für die steigende Zahl der Herzerkrankungen verantwortlich machen kann. Beides sind jedoch Risikofaktoren. Und wenn mehrere solcher Faktoren zusammenkommen, dann wird es gefährlich. Wie ich zu diesem Schluss komme? Dazu möchte ich ein wenig meine Geschichte erzählen. Letztes Jahr habe ich drei wichtigen wissenschaftlichen Gesellschaften meine Arbeiten präsentiert. Das waren die American Medical Association, die American Psychiatric Association, und die American Psychological Association. Noch nie wurde ein Wissenschaftler in einem Jahr von allen drei Organisationen zu einer Präsentation eingeladen. Das Thema war immer das selbe: Wie Polizisten und Soldaten an Simulatoren trainiert werden, damit sie wirklich schießen, wenn sie müssen. Und wie mit ganz ähnlichen Simulatoren, nämlich den kommerziell erhältlichen Video- und Computerspielen, unsere Kinder ebenfalls zum Töten konditioniert werden. Ich habe viel zu diesem Thema geforscht und in angesehenen Journalen publiziert und ich habe in meiner Zeit als aktiver Offizier mehr als hundert verschiedene Einheiten der amerikanischen Armee, der Air Force und des FBI an solchen Geräten ausgebildet. Und ich haben mit "On Killing: The Psychological Cost of Learning to Kill" das Standardwerk zu diesem Thema geschrieben. Basierend auf diesen wissenschaftlichen und praktischen Erfahrungen kann ich Ihnen sagen, dass gewalttätige Spiele eine ungeheure Faszination auf Kinder ausüben. Wenn sie in sehr jungen Jahren damit konfrontiert werden, bekommen sie Lust auf mehr Gewalt, vielleicht um ihre Sicht der Welt als gewalttätigem Platz zu bestätigen. Meine Forschungsergebnisse wurden mittlerweile von zahlreichen Kollegen bestätigt. Es gibt mehr als 1000 Studien, die einen Zusammenhang zwischen gewalttätigen Videospielen und tatsächlichen Gewalttaten mancher Kinder herstellen. Wobei Spiele wesentlich gefährlicher sind als Filme, weil sie erstens interaktiv und zweiten grafisch realistischer sind. Es ist mittlerweile eine einfache Tatsache, dass die überwiegende Mehrzahl der amerikanischen Ärzte, Psychologen und Psychiater der Ansicht sind, dass Gewalt in Filmen und Spielen potentiell gefährlich für Kinder ist. Diese Experten haben auch die schlechten Untersuchungen entlarvt, die das Gegenteil beweisen sollen. Wenn Ihnen die Mediziner sagen, dass Tabak schädlich ist und die Tabakindustrie bestreitet das, wem werden Sie glauben? Und wenn Ihnen die selben Experten sagen, das gewalttätige Spiele Schaden anrichten können und die Lobbyisten der Video-Industrie behauptend das Gegenteil, wem werden Sie glauben?

mymed: Wenn militärisches Trainingsgerät und kommerzielle Videospiele den selben Prinzipien folgen, ist das Zufall? Oder verwenden die Hersteller der Spiele Software, die aus dem militärischen Bereich kommt?

Grossman: Da gibt es eine gegenseitige Befruchtung. Zuerst hat das Militär Spiele aus dem zivilen Bereich übernommen, jetzt geht der Trend eher in die andere Richtung. Militärische Simulatoren werden zu kommerziellen Spielen. Diese Spiele sind im besten Fall Trainingsgeräte für die Ausbildung an der Waffe im schlimmsten Fall echte Mordsimulatoren. Kindern den Zugang dazu zu erlauben ist moralisch ebenso verwerflich wie Kindern den Zugang zu Feuerwaffen zu ermöglichen.

mymed: Was schlagen Sie vor. Sollen diese Spiele verboten werden.

Grossman: Nein, ich glaube ein generelles Verbot wäre kontraproduktiv. Das Ziel sollte sein, solche Spiele zu behandeln wie Autos, Alkohol oder Porno. Sie gehören nicht in die Hände von Kindern

mymed: Was halten Sie von Pokemon? Glauben Sie, dass hier eine Ersatzreligion entsteht, die ebenfalls negative Auswirkungen auf Kinder haben kann?

Grossman: Pokemon sind ziemlich harmlos im Vergleich beispielsweise zu Doom oder anderen, realistischeren Video-Spielen. Das Ziel ist, hier ein Rating-System einzuführen, nach dem entschieden wird, ab welchem Alter ein Spiel geeignet ist.

mymed: Zurück zum Militär. Werden solche Simulatoren nur für Eliteeinheiten verwendet oder auch für normale Soldaten. Glauben Sie, dass Präsenzdiener, die ins zivile Leben zurückkehren gefährlicher sind als Menschen, die nicht in der Armee waren?

Grossman: Die Simulatoren werden überall verwendet. Allerdings gibt es beim Militär zwei Sicherheitsfaktoren. Erstens bildet die Armee keine Kinder damit aus und zweitens wird beim Militär sehr viel Wert auf Disziplin gelegt. Das hilft sicher nicht immer, aber laut Statistik sind ehemalige Soldaten weniger gefährlich als Menschen die nicht in der Armee waren. Zumindest nach amerikanischen Daten stimmt das auch für die Veteranen sämtlicher Kriege. Wenn es uns Sorgen bereitet, das Soldaten mit solchem Gerät ausgebildet werden (und vielleicht sollte uns das sogar Sorgen machen) dann sollten wir uns erst recht darum kümmern, dass solche Simulatoren nicht in die Hände von Kindern gelangen. Denn bei der Armee weis man wenigstens, was man da tut und versucht entsprechend vorsichtig damit umzugehen.



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    foto: mymed.cc
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