Justizmord an Johann Nepomuk

27. Juli 2001, 21:21
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Kaiser Karls IV. Sohn Wenzel war den Aufgaben des deutschen und böhmischen Doppelkönigtums in einer Zeit religiöser und sozialer Unruhe nicht gewachsen.

Im Jahr 1378, als Kaiser Karl IV. für immer die Augen schloss, geriet die abendländische Welt aus den Fugen: Der katholischen Christenheit standen nach einer Doppelwahl zwei Päpste vor - einer residierte in Rom, der andere, von Frankreich begünstigt, in Avignon. In dieser Situation hätte es eines kraftvollen Kaisers bedurft, der zu ordnendem Eingriff fähig gewesen wäre.

Karls einziger Sohn und Nachfolger auf dem böhmischen und dem deutschen Thron, der damals 17-jährige Wenzel (als Böhmenkönig IV.) aber war einer solchen Aufgabe nicht gewachsen. Zwar hatte ihm der Vater eine sorgfältige Erziehung angedeihen lassen, er beherrschte Deutsch, Tschechisch und Latein und besaß Kunstsinn, war jedoch zugleich labil, ein träger, dennoch auch jähzorniger Zauderer und zudem schon früh dem Trunk ergeben.

Nicht nur in der Kirche, auch im Heiligen Römischen Reich tat sich Unerhörtes: Städtebünde legten sich mit den Territorialherren an, und die Schweizer Bauern jagten die Habsburger aus dem Land. Die politische Schwäche Wenzels gab seinen Versuchen, einzugreifen, kaum Chancen. Er zog sich immer mehr auf die Konsolidierung seines Stammlandes Böhmen zurück. Hier freilich suchten der Hochadel und die Kirchenfürsten, die Königsmacht zu beschränken.

Wenzel holte sich seine Ratgeber aus dem niederen Adel und dem Bürgertum, Anfang der 90er-Jahre kam der Konflikt offen zum Ausbruch. Der Erzbischof von Prag, Johann von Jenstein, trat aufgrund der Meinungsverschiedenheiten mit dem König von seinem Kanzleramt zurück, und da Wenzel nicht wagte, sich an dem hochadeligen Kirchenfürsten zu vergreifen, richtete sich seine ganze Wut gegen den Generalvikar Johannes Wofflin aus Pomuk, einen Sohn einfacher Leute, der die Rechte der Kirche gegenüber dem König energisch vertreten hatte.

Nach Folterungen, an denen sich Wenzel persönlich beteiligt haben soll, wurde der Schwerverletzte durch die Straßen geschleppt und, "die Hände auf den Rücken gebunden, die Füße mit dem Kopf wie ein Rad verknüpft und den Mund mit einem Holzpflock auseinander gespreizt", in die Moldau geworfen (1393).

Das Volk barg seinen Leichnam, und bald rankten sich Legenden um ihn; er habe, als Beichtvater der Königin, von deren Gemahl befragt, sich geweigert, das Beichtgeheimnis preiszugeben. Johann Nepomuk, als Volksheiliger verehrt, erhielt 1693 eine Statue auf der Karlsbrücke, dem Standbilder im ganzen süddeutsch-österreichischen Raum folgten. Eine Adelsfronde unter Führung der Rosenberger (ihr Rosenwappen ziert noch heute etliche südböhmische Schlösser) nutzte die Empörung über diesen Justizmord und ließ den König gefangen nehmen. Dessen Cousin Jobst, Markgraf von Mähren, wurde zum Reichsverweser berufen. Erst über Vermittlung deutscher Adeliger und des in Rom residierenden Papstes, der in Wenzel einen Gefolgsmann gegen Avignon hatte, kam der König wieder frei. Allerdings musste er dem Hochadel große Zugeständnisse machen und, da kinderlos, seinen Halbbruder Sigismund (Sohn der vierten Gattin Kaiser Karls IV.), der bereits die Krone von Ungarn erheiratet hatte, zu seinem Thronfolger bestimmen.

Doch Wenzel fand nicht aus den Schwierigkeiten, die er zum Teil durch seine Untätigkeit selbst verschuldet hatte. Verhandlungen mit Frankreich über die Beendigung des Schismas blieben erfolglos - nicht zuletzt, weil der volltrunkene König einen Skandal am Hof in Reims verursachte. Im Reich verschworen sich die rheinischen Kurfürsten gegen den König, setzten ihn, nachdem er eine Ladung ignoriert hatte, 1400 als "unnützlich, träg und für das römische Reich durchaus ungeschickt" ab und wählten den Wittelsbacher Ruprecht von der Pfalz zum neuen deutschen König. Da ihm auch der Papst die Unterstützung versagte, resignierte Wenzel und leistete schließlich förmlichen Verzicht auf die deutsche Krone, indem er nach Ruprechts Tod die Wahl seines Halbbruders Sigismund zum neuen König anerkannte.

Aber auch in Böhmen hatte Wenzels Hilflosigkeit schwerwiegende Folgen. Er duldete, dass Pogrome gegen die Juden, die als unter seinem Schutz stehende "königliche Kammerknechte" - Kammer war die mittelalterliche Bezeichnung für die fürstliche Finanzverwaltung - seine Kassen füllten, straflos blieben. Der vom römischen Papst enttäuschte Wenzel verlangte von der Prager Universität Neutralität im Kirchenstreit, doch war dazu nur die böhmische "Universitätsnation" bereit (während Sachsen, Bayern und Polen dies ablehnten).

Der Streit uferte aus, als Magister Jan Hus, bereits Universitätslehrer, darin die Chance sah, seine kirchlichen Reformforderungen und nationaltschechischen Anliegen mit den Bestrebungen des Königs in Einklang zu bringen. Wenzel dekretierte, dass die "natio Bohemica" fortan über drei, die übrigen "Nationen" nur mehr über eine Stimme verfügen sollten, weil sie kein Heimatrecht in Böhmen besäßen. Daraufhin kam es 1409 zum Auszug der nicht böhmischen Magister und Studenten, die in Leipzig eine neue Universität gründeten.

Allerdings wäre es ein falsches Bild zu glauben, dass zwischen Hus und dem König grundsätzliche Übereinstimmung herrschte. Mochte Wenzel auch angesichts der dauernden Schwierigkeiten, die ihm die deutschen Kurfürsten bereiteten, größeren Rückhalt bei seinen tschechischen Untertanen suchen, so lagen ihm doch Hus' Kirchenreformbestrebungen fern, zumal auch der Prager Erzbischof und andere hochadelige Kirchenfürsten ihre anfängliche Förderung von jenem aufgegeben hatten, seitdem er in seinen Predigten mit Thesen auftrat, die an der überkommenen ständischen Ordnung rüttelten.

Freilich: Es war nicht salomonische Weisheit, sondern eher politische Schwäche, dass der König den streitbaren Hus aus Prag lieber zu böhmischen Landadeligen abgeschoben sah, wo er seine Bücher schreiben konnte. Wenzel dürfte nicht geahnt haben, dass sich in seinem Land mit den Ideen von Jan Hus eine sozialrevolutionäre Bewegung zusammenbraute, wie sie das Mittelalter in diesem Ausmaß noch nie gesehen hatte.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29. 7. 2001)

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