Wien erkunden - Frauen entdecken

13. August 2001, 18:40
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Feministische Führung durch Wien eröffnet Perspektiven

Gerda Lerner, die große Frauengeschichtsforscherin, meint immer wieder, dass jede Frau - egal was sie tut, und egal, was sie ist - ein Jahr lang in ihrem Leben Geschichte studieren sollte. "Denn", so Lerner: "Jede Frau ändert sich, wenn sie weiß, dass sie eine Geschichte hat." Mit Pallas Athene beginnt diese feministische Stadtführung. Diese Göttin der Weisheit ist zugleich eine Allegorie für die Jungfräulichkeit - und vor dem Parlament zu finden. Diesem dreht sie allerdings den Rücken zu. "Nicht zufällig", wie Petra Unger betont. Die "Stadtführerin und Kulturvermittlerin", wie sie sich selbst nennt, und dies auch auf Schritt und Tritt bei einem "Frauenspaziergang" vermittelt, verweist in diesem Zusammenhang, nicht von ungefähr, auf den nach wie vor eher geringen Frauenanteil im Hohen Haus. Kaiserin Elisabeth von Österreich, der allen bekannten "Sissi" ist die nächste Station - im Volksgarten - gewidmet. Die dem Kaiser Franz Josef angetraute Elisabeth selbst war bis zu ihrem gewaltsamen Tod ein Opfer regelmäßiger Schönheitsextasen inklusive extremer Hungerkuren, um die sogenannte "Wespentaille" zu erreichen und zu erhalten. Ansonsten war sie eine "Gefangene" des strengen österreichischen Hofes. Alles in allem ein nicht unbedingt beneidenswertes Leben. Aber immerhin existiert von ihr ein Denkmal.

Frauenstatuen verschönern selten das Stadtbild

Im Allgemeinen kann man nämlich sagen, dass Frauen dem mit offenen Augen durch die Stadt gehenden Menschen eher selten als real abgebildete Statuen begegnen. Wenn diese nicht das Glück - oder eben Unglück - haben, Göttin oder vom Hochadel zu sein, existieren sie nur sekundär. So zum Beispiel die große Ethnologin Ida Pfeiffer. Im Völkerkundemuseum befinden sich etliche Stücke, die auf ihre Sammlung zurückzuführen sind, aber kein Schild verweist auf diese Frau, die zur Zeit des Biedermeiers ihren Kopf durchgesetzt hat. Ähnlich erging es Eugenie Schwarzwald, einer Vorläuferin Otto Glöckels, die sich als Pädagogin und Schuldirektorin einen Namen machte: Das Schulgebäude Ecke Kohlmarkt/Wallnerstraße existiert zwar noch, aber kein einziger Hinweis auf ihr Wirken, oder auch nur darauf, dass es sich bei diesem Haus ehemals um eine Schule gehandelt hat.

Allegorische Betrachtungsweisen

Eine weitere Möglichkeit, die Frauen Wiens zu entdecken, ist die Allegorie. Diese spiegelt zumeist nur zu deutlich das Drama des Frauseins in einer männlichen Welt. Krasses Beispiel dafür ist die Pestsäule am Graben. Für dieses prunkvolle goldverzierte Werk im Herzen Wiens, in der nobelsten und teuersten Einkaufsstraße der Stadt, dem Graben, wurde als Darstellung der Pest eine Frau gewählt: nackt und alt. "Völlig entblößt, so als hätte eine alte Frau kein Lebensrecht mehr", merkte Petra Unger an. Ein Kapitel für sich ist der Dom zu St. Stephan. Der "Steffel", wie die Wienerinnen und Wiener ihren Dom gerne nennen, war lange Zeit nicht nur ein Ort der Beschaulichkeit, sondern bis zur Zeit Maria Theresias auch der Gerichtsbarkeit. Besonders die Prostituierten, und damit eben Frauen, waren dem Klerus ein Dorn im Auge. Für diese gab es rigide Strafen, wie öffentliches Anketten, Auspeitschen, mit Pech übergießen, etc. Ebenso für Frauen, die versuchten, sich in ihrer Verzweiflung ihres ungewollten Kindes zu entledigen - ein altes Problem, in einer betagten Stadt. Dem Einstieg in die Wurzeln Wiens aus der frauenhistorischen Sicht von Gerda Lerner könnte als Abschluss ein weiteres Zitat, folgen, eines von Rosa Mayreder: "Nichts muss den Frauen so angelegen sein, als gegen die Abstraktion zu kämpfen, in die sie beständig durch das männliche Denken verwandelt werden." (red)

Führungen mit Petra Unger können jederzeit gebucht werden unter der Tel. 01/595 29 62, oder per E-mail.

Am 26. August um 14 Uhr kann mensch sich einer frauenhistorischen Stadtführung mit Petra Unger anschließen. Treffpunkt vor dem Parlament.
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